Réhahn

Zwar haben wir im Reiseführer davon gelesen, aber letztlich führt uns der Zufall in Hoi Ans Altstadt an einer Galerie vorbei, die uns wegen ihrer tollen Portraits sofort auffällt. Im kleinen Gallerieraum schauen uns die unterschiedlichstens Gesichter von großformatigen Abzügen an. Teils verschmitzt, teils stolz, teils schüchtern, mal aus vollem Halse lachend. Es gibt auch andere Aufnahmen, von Fischern, Bauern, von Models im Ao Dai (traditionelle Frauenkleidung, gesprochen Ao Jei), die wie eine perfekte Farbstudie im Studio aussehen.
Die Farbstudien sind aber nicht im Studio entstanden, sondern im Schummerlicht eines nahegelegenen Tempels, erfahren wir von My, die uns bereitwillig Auskunft zu den Bildern gibt. Man merkt: Sie ist Feuer und Flamme für das, was hier zu sehen ist – und für den Fotografen, der sie gemacht hat. Réhahn ist ein weltweit bekannter Reise- und Portrait-Fotograf. Er kommt aus Frankreich, lebt aber seit Jahren in Hoi An. My scheint so eine Art Schülerin/Assistentin für ihn zu sein. Sie sieht jedenfalls mit großer Bewunderung zu ihm auf.

My führt uns noch in den nächsten Raum, über dessen Tür ein Handwerker gerade das Schild „privat“ anbringt. Wir erfahren, dass das unter anderem dazu dienen soll, unerwünschte Touristen abwimmeln zu können, insbesondere Chinesen.
Der zweite Raum ist überwiegend einer besonderen Form von Portraits gewidmet. Man könnte es „das verborgene Lächeln“ nennen. Hier sehen wir überwiegend alte Frauen, die offensichtlich heiter sind und lachen, aber dabei ihren Mund hinter ihren Händen verstecken. Das liegt vor allem daran, dass sie oft keine Zähne mehr haben – oder schwarz gefärbte Zähne, was in ihrer Jugend ein Schönheitsideal war, heute aber als hässlich gilt – und sich deshalb ihres Lachens schämen. Es scheint generell in Asien eine Geste zu sein, die meist Frauen ausführen, ob schwarze Zähne oder strahlend weiße. Es wurde lange Zeit einfach nicht lauthals, öffentlich als Frau gelacht. Eine Tradition, die bis heute nachwirkt und auch junge Frauen intuitiv die Hand vor den Mund heben, wenn es ganz besonders lustig wird.

Zuletzt führt uns My noch eine Treppe hinauf. Hier experimentiert Réhahn mit Reflexionen und Verzerrungen (z. B. durch die heiße Luft eines Feuers) die seine Bilder impressionistisch wirken lassen. Man fühlt sich wirklich an Monet oder auch van Gogh erinnert, wenn man auf die Fotos blickt, die völlig ohne Photoshop-Filter auskommen.

Insgesamt sind wir sehr beeindruckt, oft auch berührt von den Portraits und freuen uns sehr, dass My sich die Zeit genommen hat, uns so ausführlich herumzuführen. Wir beschließen, dass wir auch Réhahns Herzensprojekt noch eine Aufwartung machen müssen.

Exponate im Réhan Museum

So besuchen wir am nächsten Tag das Prescious Heritage Museum. Die Ausstellung selbst besteht im Wesentlichen aus den Trachten aller 54 anerkannten (und zweier noch nicht anerkannter) ethnischer Minderheiten in Vietnam. Jeweils in Kombination mit einem großen Portrait (meist eine heitere oder etwas schamhaft schauende alte Dame, manchmal ein schalkhaft schauendes Mädchen oder auch ein stolzer alter Mann) und einer kleinen Geschichte über seine Besuche bei dieser Minderheit, seine Schwierigkeiten, sie überhaupt zu finden, und die Art und Weise, wie er an die Tracht gekommen ist. Häufig ist es eines der letzten existierenden Exemplare. Manchmal gab es auch keines mehr und er musste eine alte Frau finden, die noch etwas vom alten Handwerk verstand.

Die Ausstellung ergreift Bonnie und mich gleichermaßen. Wir haben manchmal Tränen in den Augen, wenn wir die kleinen Geschichten lesen, die so oft vom Sterben der Traditionen, vom Verschwinden kleiner Sprachen und von alten Menschen handeln, denen mit der Ausstellung ein wenig Stolz auf ihre Herkunft zurückgegeben wird. 

Wir treffen auch den Meister selbst, der sich Zeit nimmt. Wir wechseln mit ihm ein paar Worte und er erzählt uns von den 10 Jahren, die ihn dieses Projekt beschäftigt hat. Er muss selbst darüber schmunzeln, dass er der Liebling aller Frauen von 70 bis 110 ist.
Auf den kleinen Bildern, die vielleicht My von ihm gemacht hat, sieht man auch immer wieder, wie liebevoll er mit den alten Damen umgeht, wie sehr sie ihn ins Herz schließen und wie sie sich über die Bilder freuen, die er macht. „Warum warst du nicht hier als ich noch jung und schön war?!“ lacht eine.

Réhan mit seinen Models

Hier zwei Links:

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Marcus

    sehr schön, ich habe seinerzeit in VietNam die Kopien von euroäischen Standardwerken in Museen gesehen, technisch recht gut aber nicht gefühlt, das scheint mir ungleich attraktiver, man versucht etwas eigenes zu finden, auch wenn die Europäer wieder die Finger dran haben.

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