Maßarbeit

Hội An ist bekannt für seine Schneider.

Hội An ist auch sonst ein interessantes Städtchen. Sehr touristisch – fast ein bisschn ein Lampion-Themepark – aber auf eine sehr charmante Art. Hội An hat eine jahrhundertelange Geschichte als internationaler Handelsposten. Der Name bedeutet so viel wie „Ort friedlicher Zusammenkunft“. Hier kann man japanische Spuren suchen, chinesische Versammlungshallen, Tempel besichten und einen Blick in alte Handelshäuser werfen. Aber auch Holländer und Portugiesen waren hier. Die UNESCO zählt die Altstadt zum Weltkulturerbe.
Hoi an liegt malerisch innerhalb eines Biospären-Reservats im Mündungsdelta des Thu Bồn Flusses, auf dem wir auch schon eine kleine Kayak-Tour gemacht haben. Große Ausflüge waren aber nicht drin, denn wir hatten fast täglich Termine beim Schneider.

Jan vor einem Restaurant

Es fing ganz harmlos an.

Wir wollten eigentlich nur eine neue Bekanntschaft (aus unserem Kochkurs – dazu vielleicht später noch ein Bericht von Bonnie) zu einer Anprobe begleiten, um uns das mal anzuschauen. Immerhin haben Bonnie und ich Lieblingsstücke dabei, die wir gerne kopiert hätten. Schon werden wir von einem gut angezogenen Herrn mit scheelem Auge in sehr gutem Deutsch in ein Gespräch verwickelt. Was wir denn für Vorstellungen hätten, was für Stoffe uns denn vorschweben würden etc.
Auf ganz charmante Weise sitzen wir 5 Minuten später mit einer hübschen, gut englisch sprechenden und sehr kompetent wirkenden Schneiderin zusammen, sprechen über Schnitte und Stoffe und wenig später wird bei Bonnie auch schon Maß genommen.

So schnell konnte ich gar nicht gucken.

Nu nimmt Maß bei Bonnie

Ich hätte mich gern erst ein wenig schlau gemacht. Zwar macht der Laden einen sehr professionellen Eindruck: angenehmes Ambiente, schneller und kompetent wirkender Service, große Auswahl an Stoffen, direkt angeschlossene Näherei etc. Aber hier in Hội An gibt es Schneider wie Sandkörner am Meer. Und der, bei dem wir gelandet sind, wirkt eher nicht, als würde man hier Schnäppchen machen. Am Ende entscheide ich mich aber dagegen. Wenn ich jetzt recherchiere und herausfinde, dass ich lieber woanders hingegangen wäre, dann wird alles nur viel komplizierter. Und auch ein teurer vietnamesischer Schneider ist billig im Vergleich zu europäischen Preisen. Außerdem sagt das Bauchgefühl, dass wir hier in guten Händen sind.

So bringe ich am nächsten Tag auch meine Lieblingsstücke mit. Beim Pulli sagen sie mir direkt, dass sie das nicht kopieren können. Entsprechende Jersey-Stoffe haben sie nicht auf Lager und mit anderen Stoffen würde der Schnitt nicht funktionieren. Aber mein Lieblingshemd kopieren sie gern. Vielleicht hier ein wenig enger und dort ein wenig gerader… Ob ich das Hemd nur einmal kopiert haben möchte oder vieleicht gleich 5 Mal? Dann ginge das sechste Hemd aufs Haus. Man könnte es ja auch in verschiedenen Stoffen anfertigen. Vielleicht in Leinen? Und ob ich schon einmal über einen Anzug nachgedacht hätte?
Meine Schneiderin ist ebenso fähig und eine ebenso gute Verkäuferin wie die von Bonnie und so habe ich schwuppdiwupp zwei Kopien meines Lieblingshemdes (in weiß und burgunder), einen blauen Maßanzug und ein zum Anzug passendes Dress-Shirt in dem Burgunger-Stoff bestellt, der mir so gut gefällt.

Ich sehe am Horizont ein Transportproblem winken.

Das Tempo ist atemberaubend. Schon am nächsten Tag ist Anprobe für den Anzug und die Hemden. Die Hemden sitzen, die Hose muss am Bund noch etwas enger gemacht werden und die Anzugjacke sitzt ein wenig spack. Aber schon bei der zweiten Anprobe am folgenden Tag ist alles zu 99 % fertig. Das Verrückte: Ich glaube, das war der entspannte Zeitplan. Wir sind ja im Gegensatz zu anderen mehrere Tage vor Ort. Ich glaube, wenn es eilt, machen sie Anzüge binnen eines Tages fertig.

Nach dem anfänglichen Maßnehmen laufen die darauffolgenden Fitting-Termine immer gleich ab. Man wird in den Anproberaum gebeten, der angenehme ca. 10 °C kühler ist, als der Raum davor, der wiederum schon mindestens 5°C weniger hat, als die Außentemperatur. Man bekommt ein Wasser gebracht und hat einige Minuten Zeit, damit einem die Klimaanlage den Schweiß am Körper trocknen kann. So ist die Anprobe möglich, ohne dass das neue Stöffchen direkt am Körper klebt, damit man in die neuen Hosen überhaupt reinkommt.
Hat man eines der neuen Teile an, überprüft mindestens eine der Verkäufer-Schneiderinnen den Sitz der jeweils durchgeführten Änderung, wobei es auch sein kann, dass bis zu drei Kolleginnen vor einem stehen und Erfahrungen und Expertise austauschen, wie zu verfahren ist. Kurzerhand wird aufgetrennt, neue Formen für den Schneider direkt mit buntem Faden abgesteppt oder mit Kreide angezeichnet, wo es noch nicht perfekt sitzt. Am Ende steckt man in einem neuen Teil, das weder zwickt noch zwackt und das dem entspricht, was man bestellt hat… nur schicker.

Schöner Nebeneffekt, wenn man im Fittingraum sitzt: Man kann die Verwandlung anderer Touristen beobachten. Da wird der Typ im Gammelstrand-Look zum Geschäftsmann im Businesssuit oder die Badenixe zur Ballkönigin. Herrlich! Ich könnte hier den ganzen Tag verbringen und zuschauen, wer sich was schneidern lässt und über den Vorher-Nachher-Effekt schmunzeln. Manchmal staunt man über Farbwahl und Muster. Aber am Ende bekommt hier jeder das, was er oder sie sich wünscht.

Jetzt sind die Sachen so gut wie fertig. Und was soll ich sagen? Ich sehe gut aus.
Kleider machen Leute und die machen hier wirklich gute Kleider. Insbesondere ein gut sitzender Anzug verändert einen sehr. Man steht auch gleich viel gerader. 🙂
Auch Bonnie hat reiche Beute gemacht und ich finde, mit den Änderungen sehen die neuen Stücke noch besser aus als die Originale.

Bonnie in blau

Da Bonnie zuletzt noch ein Stück nachgelegt hat, hat sie zuletzt noch einen Termin ohne mich. Und da kommt der Schock: Die Kreditkarte blockiert. Wir haben irgendein Limit gesprengt. Mehr noch: Die Webseite der Bank, wo wir das Limit anpassen könnten, meldet Wartungsarbeiten des Systems. Und morgen wollen wir weiterreisen …

Wir werden heute Abend sehen, wie dieser Krimi endet. Ob wir zahlungsfähig sind oder in der Schneiderei für die nächsten fünf Wochen alte Hosen flicken müssen, um unsere Schulden abzuarbeiten. So stay tuned.

UPDATE: Die Debit-Karte hat es gerichtet. (Sollte es mich stutzig machen, dass ich bei diesem Betrag keine PIN eingeben musste, sondern das Checkkartengerät einfach wie ein Kätzchen gesurrt und den Bon ausgespuckt hat???!) 
Leider muss ich morgen noch mal hin 🙁
Bei meinen beiden zuletzt georderten Shirts sind die Label vorne statt hinten eingenäht. War auch nicht ganz einfach: Manchmal hab ich das Shirt selbst falsch herum angezogen und es nicht gemerkt. Der Fehler war also vorprogrammiert. Wat willste machen?!

Dieser Beitrag hat 5 Kommentare

  1. Michi

    Ui! Wie wollt ihr das alles in die Rucksäcke kriegen?! Und ihr seid erst 3 Wochen unterwegs…

  2. Bornebusch

    Wie wurde das Transportproblem gelöst? Ich zerbreche mir schon den Kopf,!

  3. Papa Micha

    2 Vorschläge: Päckchen nach Deutschland schicken oder alte Klamotten im Hotel lassen und als feine Pinkel mit neuen Klamotten weiter reisen :-)))

  4. Katja

    Ihr wisst, was das heißt, oder?
    Modenschau im Februar! 🙂

    1. Jan

      Können wir machen. Ich hoffe, der Anzug überlebt bis dahin im Rucksack.

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