Softsleeper – VIP

Wir verlassen Hoi An Richtung Đà Nẵng, den mit dem Auto rund 40 Minuten entfernten und nächst größeren Ort mit Flughafen und Bahnhof. Unser nächstes Ziel ist Ho Chi Minh City (HCMC oder auch Saigon). Die rund 900 km lange Strecke kann man auf unterschiedliche Weisen überbrücken: mit dem Auto (das ist uns zu langweilig), mit dem Flieger (das wollen wir aus Umweltgründen nicht) oder mit dem Zug. Da wir uns vorgenommen haben mit allen Verkehrsmitteln einmal zu fahren, fällt die Wahl also auf den Zug. Wir buchen Tickets für die Nachtfahrt ab Đà Nẵng.

Meine liebe Kollegin Caro hat mich vorgewarnt, besser eine Strecke im Norden z.B. von Hanoi nach Hue mit dem Zug zu fahren, weil er dann noch einigermaßen sauber sei. Wir lesen Rezensionen verschiedener Passagiere und uns schwant, dass wir uns hier auf ein kleines, dreckiges Abenteuer begeben. Deshalb wappnen wir uns und packen das gute Travelsheet aus ägyptischer Baumwolle und das aufblasbare Kissen ins Handgepäck, die Schlafbrille und die Ohrenstöpsel liegen ebenfalls parat. Ebenfalls ins Handgepäck gehört Klopapier, weil das anscheinend in öffentlichen Bereichen Mangelware ist.

Wir checken am Bahnhof ein und sind nicht die einzigen Langnasen, die sich heute diesem Abenteuer stellen. Aber auch viele Heimheimische reisen mit Sack und Pack auf der Schiene.

Der Zug ist ausgesprochen pünktlich (23:00 Uhr, Abfahrt 23:30 Uhr). Das Modell ist allerdings ungefähr mein Geburtsjahrgang und schiebt sich etwas schwerfällig in den Bahnhof. Wir fahren ab Gleis 2. Das heißt, wir gehen auf den Bahnsteig, direkt am Gleis 1 auf das Gleisbett und steigen über die Schienen zu unserem Zug. Mit dickem Rucksack hinten und kleinem Rucksack vorne, plus Proviant für die Fahrt ist die riesige Stufe in den Zug ohne Bahnsteig ziemlich hoch. Nachdem alle Taschen und Körperteile in den Wagon 8 gehievt sind, geht es auf Abteilsuche. Die fällt leicht, denn alles ist ordentlich durchnummeriert.

Wir haben zwei Schlafkojen im Softsleeper, oben. In der VIP-Klasse gibt es „nur“ vier Betten, anstatt sechs, in einem Abteil und davon belegen wir zwei. Unsere vietnamesischen Mitreisenden sind bereits im Zug und sehen schon ein wenig verschlafen aus. 

Es gibt für jeden ein Laken, eine Bettdecke und ein Kopfkissen, das bei erster Begutachtung im Schummerlicht einen recht guten Eindruck macht. Über der Tür gibt es eine Art Boden, auf den wir unser Gepäck packen können. Das ist ausgesprochen praktisch, so haben wir alles von unseren Pritschen aus im Zugriff, ohne die anderen zu stören.
Das Nachobenkommen gibt allerdings Fragezeichen auf, bis uns Jans „Unterschläferin“ die ausklappbaren Tritte auf beiden Seiten der Wand zeigt. Damit kann ich mein Reich für die nächsten 17 Stunden Zugfahrt erobern.
Es ist erstaunlich geräumig. Die Pritsche ist lang genug, sodass ich mich komplett ausstrecken kann. Allerdings ist sie steinhart. Wenn das der „Softsleeper“ ist, dann möchte ich nicht wissen, wie der Hardsleeper sich anfühlt. Die Betten im Hardsleeper müssen aus Granit, Stahl oder Titan sein.

Irgendwann ist es soweit und der Toilettengang lässt sich nicht weiter aufschieben. Mit Klopapier bewaffnet seile ich mich aus meinem Elfenbeinturm ab, ohne die anderen zu wecken und wanke seemansgleich bei dem Geruckel durch den schmalen Gang zum Örtchen. Ich fühle mich an die Örtlichkeiten im Ballhaus Spandau zu seinen besten Zeiten erinnert. Nicht schön, aber irgendwie immer noch erträglich. Nur die Sohlenabdrücke auf der Klobrille bereiten mir Schmerzen, wenn ich mir vorstelle, wie sich jemand erst nach oben auf den Sitz quält, um dann… na ihr wisst schon. Ist aber irgendwie naheliegend, wenn man Hock-Klos gewöhnt und vom hygienischen Zustand der Klobrille nicht erfreut ist.
Aber auch diese Hürde nehme ich gelassen. Ich habe ja mein Klopapier dabei und Wasser gibt es auch.

Zurück in meiner Koje stecke ich mir die Stöpsel in die Ohren, ziehe mir die Schlafmaske über die Augen und die andere Maske über Mund und Nase und rolle mich auf meinen 50 cm zurecht. Das Rattern und Schuckeln ist angenehmer, als ich vorher befürchtet habe. Einzig mein Ishias fiept nach einer Weile wegen der harten Matratze. Und so falle ich in einen nicht ganz störungsfreien, aber dennoch besser als erwarteten Schlaf.

Ich schlafe – nachdem eine L-Dopa meine Beine ruhiggestellt hat – hervorragend. Ohne Oropax, ohne Schlafbrille, in den Schlaf geschuckelt wie ein Baby im Kinderwagenh

Gegen 8:00 wird es emsig im Zug und an jeder Station steigen Verkäufer ein und bringen Frühstück aller Art an Mann und Frau, solange wie der Zug im jeweilien Bahnhof hält.
Da wir mit Proviant voll ausgestattet sind, lehnen wir dankend ab. Obwohl mir schon das Wasser im Mund zusammenläuft, wenn ich das Angebot so sehe. Da können unsere kalten Banh Mis vom Vortag nicht mithalten.

Verkäufer im Zug

Wir kommen mit nur einer halben Stunde Verspätung an unserem Zielort an (da kann sich die Deutsche Bahn mal ein Beispiel nehmen, bei der Strecke!).
Angekündigt wird HCMC mit heroischer Musik, die aus den Lautsprechern schallt. So ist auch jedem Touri klar, wir bewegen uns auf die Endstation zu. Macht euch also zum Aussteigen bereit. Mit dem Blick zurück in unsere Kabine, ob auch nichts liegen geblieben ist, beenden wir dieses gar nicht so dreckige Abenteuer.

Fazit: Alles in allem war der Nachtzug eine bessere Erfahrung, als ich gedacht habe.

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Maike

    Liebe Beide,
    Ihr habt bis jetzt sicher eine tolle Zeit! Zugfahren ist immer ein Erlebnis, egal wo auf der Welt man ist 😉
    Ich wünsche euch weiterhin tolle Erlebnisse und gutes Essen! Ich drück euch aus der Ferne!

  2. Jörg

    Ihr Lieben, ich bin erst jetzt dazu gekommen, eure Berichte von Anfang an nach-zu-lesen (krankheitsbedingt im familiären Umfeld). Und ich muss sagen: faszinierend.
    Einmal faszinierend, weil eure Berichte und Fotos eine Welt eröffnen, die mir völlig fremd ist, über die ich immer wieder nur staunen kann. Und wo ich dann am Ende sehe, wie europazentriert, deutschlandzentriert ich lebe … Nun denn ist so. Und ich warte auf weitere Erweiterung meines Horizontes.
    Faszinierend finde ich aber auch eure Art des Reisens: mit Computer und Kamera/Smartphone immer verbunden mit der anderen Welt, aus der ihr kommt. Wann habt ihr eigentlich Zeit zu schreiben? Und wie ist dieses Reisen, wenn ihr immer auch noch „hier“ seid, zumindest digital verbunden mit euren Familien und Freund:innen in D? Ihr merkt: Ich bin eben aus einer anderen Generation und bin anders gereist.
    Wie auch immer: Eure Art des Reisens lässt mich jedenfalls ganz anders teilhaben. Und darauf freue ich mich auch weiterhin.
    Herzlich, Jörg

    1. Jan

      Die andere Art des Reisens kenne ich auch noch: Der obligatorische „Ich bin gut angekommen“-Anruf, dann vielleicht noch eine Postkarte. Das hatte was.
      Man war irgendwie weiter weg und mehr auf sich gestellt. Man hat vielleicht auch mehr den Kopf frei bekommen.
      Aber es ist auch schon, Freunde und Familie teilhaben zu lassen. Und wir freuen uns immer, wenn das Dashboard meldet, dass es neue Kommentare gibt. Letztlich ist es für uns ein Experiment und eine Alternative zu den Reisetagebüchern, die wir sonst immer geschrieben haben.
      Wann wir die Zeit finden? Das ist tatsächlich schwierig. Auf langen Bus- oder Zugfahren, abends im Hotel. Manchmal wird Schlaf geopfert, manchmal ein Getränk in der Hotelbar. Aber vor allem: Ich komme nicht zum lesen. Und das ist ein verschmerzbarer Verlust, denn das kann ich zu Hause nachholen.

  3. Caro

    Ich glaube, die haben die Züge erneuert. So fancy sahen die bei meiner Reise nicht aus. Gut für euch!
    Ich hoffe ihr gönnt euch nach dem vielen Sightseeing auch ausgedehnte Pausen, um zu verarbeiten, was ihr alles gesehen habt. ne günstige Hängematte gibts dann vor Ort sicher. 😉
    liebe grüße

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