Huế ist einer dieser klassischen Stops, wenn man eine Vietnam-Rundreise bucht. Deshalb darf er bei uns auf der Reiseroute natürlich auch nicht fehlen. Auf der Tagesordnung stehen selbstverständlich ein Besuch DER Zitadelle, des Kaiserpalastes, der Thien Mu Pagode, des Hue Royal Antique Museums und zweier der vier Kaisergräber: Minh-Mạng-Kaisergrab und Khải-Định-Kaisergrab. Eine Fahrt auf einem Drachenboot macht den klassischen Auflug perfekt.
Ich überlasse es euch an dieser Stelle Google oder Wikipedia zu den einzelnen Sehenswürdigkeiten zu befragen. Was ich sagen kann ist, dass alles sehr beeindruckend, spannend und überwiegend sehr hübsch anzuschauen ist. Was man aber auch sagen muss: Selbst frischst restaurierte Dinge sehen nach wenigen Jahren schon wieder etwas gammelig aus. Die Luftfeuchtigkeit hier ist die Pest.
Was für mich allerdings fast noch spannender ist, sind die Menschen, die sich an diesem verregneten Tag zusammengefunden haben, um gemeinsam diese Sehenswürdigkeiten auf einer gebuchten City-Tour zu besichtigen.
Da ist zuerst unser Guide Hong, der uns zu Fuß von unserem Hotel abholt und zum Kleinbus an der nächsten Straßenecke führt. (Die Gasse, in der unser Hotel liegt, ist zu eng für das Gefährt). Er spricht sehr gutes Englisch. Man darf ihm beim Formen der Worte nur nicht auf die Lippen schauen, denn das lenkt ungemein vom Verstehen ab. Lässt man das bei Seite, macht der junge Mann seinen Job ziemlich gut. Er ist der erste Vietnamese mit langen Haaren und Naturwelle, der mir bisher begegnet ist.
Zur sonstigen Reisegesellschaft, gehören eine Dreier-Gruppe junger Frauen Anfang 30, zwei Pärchen um die 50-60, ein Alleinreisender älterer Herr und ein sehr ungleiches Pärchen gemischter Nationalitäten.
Spannend ist auch wie das Abtasten der einzelnen Teilnehmer während des Tages abläuft. Jan und ich starten immer erst mal mit Nationalitäten raten und horchen, wer denn wohl sonst noch deutsch spricht.
Dann ergeben sich einzelne Fragen und Kommentare der Teilnehmer, die ihre Nationalitäten verraten. Und irgendwann kommt man dann vereinzelt mit Personen ins Gespräch und erfährt sehr interessante und bewegende Dinge aus dem Leben anderer Menschen.
Wir treffen:
- ein Paar um die 60. Sie kommen aus der Gegend um die Zugspitze. Sie erzählen, dass sie ihr Berufsleben bei einem Hotelkonzern verbracht haben, der sie alle drei Jahre an einen neuen Ort auf der Welt versetzt hat. Sie selbst haben sich auf einer kleinen Inselgruppe (Nördliche Marianen) östlich der Philippinen kennengelernt und haben dort auch geheiratet. Die Tochter kam in Indien auf die Welt und der Sohn im Jemen. Die Kinder sind mittlerweile flügge und haben seit mehreren Jahren ein eigenes Leben in London. Sie selbst sind vor ein paar Jahren in die Heimat zurückgekehrt und haben irgendwo um die Zugspitze herum ein eigenes Hotel aufgemacht – denn was sie für andere können, können sie doch auch selbst auf die Beine stellen. Während unsere Füße nach der Mittagspause in dampfenden Zitronengras-Fußbädern stecken, bin ich total fasziniert von ihrem Leben und ihren Erzählungen von den vielen Orten, die sie alle auf ganz andere Weise erlebt haben, als man sie als normaler Tourist kennenlernen würde.
- ein sehr ungleiches Paar, dass einem sofort ins Auge sticht. Und ich kann mich nicht erwehren hier sofort an ein Klischée zu denken. Er, Rentner aus Hamburg, – der Trecking-Sandalen, Tausendtaschen-Bermudas und Topfhut-Typ – mit seiner thailändischen Freundin irgendwas um die 30 oder 40 an der Hand. Sie spricht so gut wie kein Englisch und ist ganz offensichtlich von der Tour gelangweilt. Er hingegen löchert den Tour-Guide mit Fragen in Englisch mit sehr deutschem Akzent. Soooo typisch! Ich versuche ein bisschen Kontakt mit ihr aufzunehmen, was sehr nett, aber nur in sehr begrenztem Rahmen möglich ist.
Nach und nach erfahren wir, dass er vor Jahren in Chiang Mai (Thailand) bei einer Lehrerin angefangen hat Thai zu lernen und das auch über die Pandemie fleißig jede Woche weiter per Video durchgezogen hat. Wo er seine Freundin kennengelernt hat bekomme ich nicht raus, aber dass sie aus einer sehr armen Region aus dem Norden Thailands kommt und dort auch wohnt. Also eher nicht so das klassische City-Bangkok-Girl auf der Suche nach nem reichen Westler. Er besucht sie zwei Mal im Jahr für einen Monat, denn sie möchte bei ihrer Familie und ihrer 18-jährigen Tochter bleiben.
Anscheinend funktioniert das für die beiden, die sich zwischendurch leise auf Thai unterhalten, während sie ihn dabei liebevoll ansieht. Wenn das für die beiden so gut ist, wer bin ich dann, was Böses zu vermuten.
- Unsere erste Begegnung habe ich mit einem übergewichtigen Pärchen um die 50 aus Australien, als ich ihnen bei ihrem Selfie vor einer Pagode assistiere. Danach enspinnt sich über mehrere Seightseeing-Stationen eine sehr nette Unterhaltung mit einem herzensguten Paar aus Melbourne. Ich habe ein wenig Schwierigkeiten mit dem Akzent und verstehe teilweise nur jedes dritte Wort, aber Vieles ergibt sich ja aus dem Kontext. Sie haben mit ihren Kindern eine Chatgruppe die „Two Fatties abroad, eating bad food and leaving their kids at home“ heißt. Sie haben insgesamt viel Humor und nehmen sich selbst wegen ihrer mangelnden Selfie-Fähigkeiten auf die Schippe.
Beim Essen sitzt sie neben mir und ich habe Tränen in den Augen, weil sie mir in einem kleinen, sehr gefassten Gefühlsausbruch Stück für Stück über ihr Leben erzählt. Ihre älteste Tochter scheint von Geburt an schwerstbehindert zu sein und lebt seit einer Weile im Heim mit medizinischer Versorgung. Zu dem Zeitpunkt unserer Tour ist sie gerade ins Krankenhaus gekommen und meine Tischnachbarin als Vollzeit-Mutter macht sich schreckliche Sorgen und versucht gefasst zu sein, weil sie gerade gar nichts tun kann, außer immer wieder ihre Nachrichten zu checken.
Sie haben noch zwei weitere Kinder, die schon aus dem Haus und selbstständig sind.
Sie als Eltern sind das erste mal seit über 15 Jahren im Urlaub.
Ich bin tief berührt, weil es immer diese ganz besonderen Menschen sind, denen die Liebe und Güte aus dem Herzen strahlt, die so ein schweres Los tragen müssen. Hut ab, dass man da nicht in Depressionen verfällt, sondern ganz im Gegenteil von innen strahlt.
Sie ist (zur Versorgung der Tochter) Vollzeit-Hausfrau und -Mutter, war aber früher Buchhalterin. Jetzt nutzt sie ihre Erfahrung mit Zahlen, um nebenbei im kleinen Stil an der Börse zu spekulieren. Und dadurch, dass fast alles Einfluss auf die Aktienkurse haben kann, hat sie ihr Interesse am Weltgeschehen und der Politik entdeckt.
- Drei Mädels bzw. junge Frauen, die als erstes wie eine geballte Freundinnenfront aus USA daherkommen. Sie kommen zu spät und wir müssen sie suchen, weil sie noch irgendwo Proviant kaufen sind. Die Amis wieder! Später stellt sich raus, dass die drei sich von der Arbeit (Starbucks) kennen, eine aus USA-Washington (Becca), eine aus Frankreich (Audrey) und eine aus Brasilien (Patricia). Wobei nur eine der drei die beiden anderen schon kannte, aber da sie sich paarweise jeweils so gut verstanden haben, haben die anderen beiden sich vertrauensvoll auf ihre Kollegin verlassen und haben zu dritt diese Reise geplant und ihre Männer zu Hause gelassen. Sie sind alle drei sehr verschieden, aber es macht sehr viel Spaß, sich mit ihnen zu unterhalten.
Wie man vermuten kann, haben sich die drei nicht hinter der Starbucks-Theke kennengelernt. Becca, die heute im Bereich Nachhaltigkeit für Starbucks arbeitet, war damals im American Office, Audrey und Patricia jeweils zu verschiedenen Zeiten im London Office.
Am Ende der Tour verabreden wir uns mit ihnen einige Tage später in Hoi An gemeinsam einen Kochkurs zu machen. Das wird bestimmt witzig.
- Als letztes bleibt ein alleinreisender Australier, so ca. Mitte 70. Ich sitze im Mini-Van neben ihm. Es ist mir etwas unangenehm, so dicht neben jemandem zu sitzen, den ich gar nicht kenne und der ein bisschen nach altem Mann riecht. Es gibt kein Hallo oder sonst irgendeine Art von Begrüßung. Irgendwie ein bisschen so ne Art Sean Connery-Typ, nur eben nicht so charmant. Aber man muss ja nicht jeden gleich sympathisch finden.
Nachdem er sich eine Weile mit seinen Landsleuten unterhalten hat, taut er ein wenig auf. Da er recht leise und mit einem starken Akzent spricht, lasse ich Jan im Bus neben ihm sitzen und siehe da, es entspinnt sich ein Gespräch.
Es gibt viele Orte, von denen er erzählt, an denen Jan oder ich auch schon waren, und so quatschen wir eine Weile. Wie es scheint, reist er seit 15 Jahren immer wieder allein durch die Weltgeschichte und genießt das sehr.
Allerdings wohl nicht uneingeschränkt, denn am Ender der Tour überrascht er uns mit dem Angebot, ihn am nächsten Tag zu begleiten. Er hat für den Weg nach Hội An ein Auto mit Fahrer und Guide gebucht und hat auf dem Weg Stopps an einigen Sehenswürdigkeiten eingeplant.
Na und ob uns das passt! Denn wir haben bisher noch keinen Transport zu unserem nächsten Standort organisiert. Ich bin zu diesem Zeitpunkt sehr gespannt: Das kann entweder sehr nett oder sehr, sehr zäh werden. Aber „private car“ ist jedenfalls wieder ein Häkchen auf unserer Liste der verschiedenen Fortbewegungsarten.
Rückblickend finde ich es faszinierend, wen der Zufall einem an die Seite spült. Es war durch die Menschen und ihre Geschichten ein wirklich besonderer Tag.
Oooh, danke fürs Teilen dieser besonderen Geschichten! Das Bild von euch allen ist auch sehr gelungen. So ist Reisen – spannende Orte und faszinierende Menschen aus aller Welt!