Unser letztes großes Abenteuer der Reise ist eine Motorradtour ganz im Norden Vietnams, in den Bergen nahe der chinesischen Grenze. Ausgehend von Hà Giang (gesprochen: „Ha Sang“) planen wir, vier Tage unterwegs zu sein.
Bekannt für wunderschöne Landschaften und farbenfroh gekleidete ethnische Minderheiten war der Hà-Giang-Loop vor einigen Jahren vielleicht noch ein Geheimtipp, zieht er inzwischen zahllose Touristen in den hohen Norden. In den größeren Orten entlang der Strecke ist man darauf eingestellt. Besonders Hà Giang boomt. Zahlreiche Unterkünfte und Motorradvermietungen buhlen um die Reisenden. Teilweise haben nachgefragte Anbieter über hundert Maschinen, die sie verleihen können. Neben Motorrädern verschiedener Klassen bieten viele Unterkünfte auch Gruppentouren mit Guide an oder – für die verzagten – Touren auf dem Sozius eines einheimischen „Easy Riders“. Letzeres ist für Alleinreisende, die noch nie Motorrad gefahren sind, natürlich eine gute Option um die Region zu sehen. Denn das motorisierte Zweirad ist hier einfach das Gefährt der Wahl.
Wir entscheiden selbst und allein zu fahren, zu zweit auf einem Bike. Das ist wärmer und kommunikativer. Außerdem beschließen wir, entgegen der Fahrtrichtung der Gruppen aufzubrechen. Letzteres entpuppt sich als gute Entscheidung. Auf diese Weise müssen wir nicht jeden Halt mit großen Gruppen lärmender Farangs teilen, sondern begegnen ihnen hauptsächlich mittags und in den Unterkünften.
Ich glaube, so eine Gruppe wäre mein Albtraum: Tagsüber fremdgesteuert, abends Trinkspiele, Karaoke, Schlafsaal. Wobei ich das Gefühl hatte, dass es für 90 % der Teilnehmer genau das Richtige ist. Mich schüttelt allein der Gedanke daran. Ich wäre definitiv ungeeignet, denn ich vertrage keinen Lao Lao oder anderen Schnaps.
Wir brechen also auf. Unsere gemietete Honda Wave nimmt treu jede Steigung, laut Straßenschildern alle exakt 10 %. Wir überqueren zahlreiche Pässe und meistern auch die kurvigste Serpentine. Die Landschaft ist fantastisch und die Ausblicke beeindruckend.
Leider ist unser Timing in dreifacher Hinsicht suboptimal:
- Im Winter wird es da oben schweinekalt. Wir hatten ursprünglich den Plan, im November in den Norden zu fahren, weil dann das Wetter besser ist. Eigentlich haben wir die gesamte Reise nur deswegen so terminiert. Aber zu Beginn haben wir uns die Tour ohne Fahrpraxis doch nicht zugetraut… Jetzt am Ende können wir zwar fahren, sehen auf unserem Moped aber aus wie Michelinmännchen.
Zeitweise habe ich getragen: T-Shirt, Thermoshirt, Sweatshirt, Steppjacke, noch eine Steppjacke, Regenjacke und Schoner. Durchgefroren war ich abends trotzdem. Und dann freut man sich auf eine heiße Dusche und stellt fest: „Ihhh, hier ist das Wasser kalt!“ Bleibt man eben dreckig und geht gleich ins Bett. - Ende Januar sind die Reisfelder bereits abgeerntet und braun. Auch die Buchweizenblüte ist längst vorbei. Die Landschaft zeigt sich von ihrer kargeren Seite.
- An dreieinhalb von vier Tagen ist es bedeckt und diesig. Kann passieren.
Die beeindruckenden Postkartenbilder, die andere von dieser Tour mitbringen, können wir daher nicht bieten. Und dennoch ist es eine spannende Tour – nicht zuletzt aufgrund der krassen Gegensätze in Sachen Tourismus.
Ganz unabhängig von den Motorradgruppen erleben wir auf dieser Tour besonders krass, wie nahe Massentourismus und ungestörtes Landleben nebeneinander existieren. Zwei Beispiele:
Beispiel 1: Fahrt auf dem Sông Nho Quế
Wir haben Bilder von der tiefen Schlucht gesehen, durch die sich wie ein grünes Band der Sông-Nho-Quế-Fluss windet. Nachdem man sich entlang abenteuerlicher Serpentinen zum Fluss hinuntergeschlängelt hat, kann man auf kleinen Booten die Schlucht durchqueren, die Natur genießen und sich ganz, ganz klein fühlen zwischen den mächtigen Felswänden.
So war es vermutlich vor 10 Jahren.
Wir werden schon vor der Ankunft abgefangen und zum Shuttleparkplatz umgeleitet, wo wir auch die Eintrittskarten kaufen. Die minütlich fahrenden Shuttles kippen uns am neu aufgestauten Hafen ab. Dort bieten Einheimische Snacks und Souvenirs an und wir werden ohne viel Wartezeit auf das Boot mit der Nummer 7 verwiesen. Wir teilen uns das Boot mit einer gemischten Truppe Asiaten.
Die Boote legen zügig ab. Wie an einer Perlenschnur tuckern sie hintereinander her. Die höchste Nummer, die ich auf einem der Boote erspähe, ist die 50. Auf dem grünen Wasser schillert Benzin und der Geruch von Diesel liegt in der nicht mehr ganz so klaren Luft.
Vor der engsten Stelle der Schlucht fächern sich die Boote auf. Das ist der Insta-Moment: 10 Minuten Zeit, damit jeder ein Foto von sich vor der Klamm machen kann, ohne das andere Boote drauf sind. Die Illusion von Individualität und Unberührtheit. Jetzt begreifen wir auch, warum am Bug des Bootes keine Stühle stehen. Eigentlich wären dort wegen der Aussicht die besten Plätze. Stattdessen liegt da Kunstrasen. Aber nun wird das Dreieck an der Bootsspitze zum Laufsteg. Artig wechseln sich die Asiaten ab: Jeder durchläuft in schnellem Wechsel die Posen, in denen er oder sie am besten zur Geltung zu kommen hofft. Ich bin völlig fasziniert, welche Garderobe extra für diesen Moment unter dicken Steppjacken hervorgezaubert wird. Eben noch in Modderstiefeln und besudelter Jacke, taucht da die Schönheit im weinroten Samtkleid oder in weiß in modischer A-Linie, barfuß vor der Fotokulisse auf. Egal, ob es kalt ist oder nicht, für die Fotosession wird jegliche Unannehmlichkeit in Kauf genommen.
Allein, zu zweit, in größeren Gruppen. Auch wir werden berücksichtigt, überraschen unsere Mitreisenden aber dadurch, dass wir gar nicht so scharf sind auf die „Wir vor X“-Bilder.
Dann tuckern die Ausflugsboote wieder los und durchqueren die Schlucht. Das dauert keine 10 Minuten. Am anderen Ende angekommen, sind die ersten Fotos und Videos dieser Fahrt bereits kommentiert und geschnitten bei Instagram zu sehen.
Nachtrag: Manchmal genieße ich nicht genug. Dann habe ich die Kamera in der Hand und bin mehr damit beschäftigt, ein schönes Bild zu machen, als den Anblick, den ich da festhalten will, tatsächlich bewusst wahrzunehmen und in mich aufzunehmen. Wenn ich mich dabei ertappe, bereue ich das ein wenig. Aber immerhin beschäftige ich mich – wenn auch fotografisch – mit dem Ausblick oder der Sehenswürdigkeit, die da vor mir liegt. Für die Asiaten, denen wir hier begegnen, sind die Fotos nicht nur wichtiger als das Erleben der Schlucht. Die Schlucht ist nicht einmal das Hauptmotiv. Sie ist nicht mehr als eine Fototapete. Wie schade. Nicht nur schade, sondern auch irgendwie ziemlich verrückt.
Ganz amüsant ist noch: Als das Panorama langweilig wird, rücken plötzlich wir ins Zentrum des Interesses. Zuerst fragt mich ein junger Mann, ob ich bereit wäre, mich mit seiner Freundin ablichten zu lassen. Sie würde sich nicht trauen zu fragen. Na klar. Danach posiere ich mit einer Gruppe Jungs; erst mit dem einen, dann mit dem anderen, dann mit allen zusammen. Jan ist plötzlich THE MODEL. Jeder möchte mit ihm abgelichtet werden und er posed wie ein Profi. Als ob er nie etwas anderes gemacht hätte. Ich halte mich schön im Hintergrund, denn in meiner Michelin-Verkleidung möchte ich freiwillig auf keinem Foto erscheinen. Wer sich nicht traut zu fragen, fotografiert Bonnie und mich einfach heimlich. Ich wüsste zu gern, wie viele Insta-Storys wir dieser Tage bereichern.
Beispiel 2: Dorffest irgendwo im Nirgendwo
Wir schrauben uns enge Serpentinen hinauf, irgendwo zwischen Tam Son und Du Già (gesprochen: SuSa). Im Tal unter uns liegt ein Dorf. Plötzlich stellen wir fest, dass sich auf dem Dorfplatz eine Menschenmenge versammelt hat. Ab und zu dringt ein Raunen bis zu uns hinauf. Die Dorfbewohner drängen sich alle rund um etwas zusammen, das wir von da oben nicht erkennen können.
Wir werden neugierig. Sollen wir mal gucken?
Ich bin erst ein wenig skeptisch, aber Jans Neugier ist kaum zu bremsen. Man kann doch da als Fremde nicht einfach so eindringen… Na klar. Also drehen wir, finden den richtigen Abzweig und sind 10 Minuten später im Dorf. Wir stellen unser kleines Motorrad zwischen all den anderen Motorrädern ab, laufen zum Dorfplatz und schieben uns ins Gewühl.
Also ich halte mich erst mal schön am Rand. Zwei kleine Mädchen folgen mir schon, seitdem wir den Platz betreten haben, sind aber zu schüchtern, um den Sicherheitsabstand zu verringern. Als ich ihnen den einzigen Satz, den wir wahrscheinlich annähernd fehlerfrei können „Chúc mừng năm mới“ (Frohes neues Jahr!) mit einem breiten Lächeln zurufe, müssen beide auch lächeln.
In der Mitte des Pulks geschieht eine Art umgekehrtes Tauziehen. Zwei Männer stehen einander gegenüber. Sie halten die beiden Enden einer massiven Bambusstange. Auf das Signal eines Kampfrichters versuchen sie mit geschwollenen Adern und hervortretenden Augen ihren jeweiligen Kontrahenten aus dem „Ring“ zu schieben. Das Publikum fiebert mit. Es wird angefeuert und gewettet. Es riecht nach Alkohol und anderen Rauschmitteln.
Das Schöne ist: Wir sind mittendrin und trotzdem zunächst fast unbemerkt. Alle Aufmerksamkeit gilt dem Wettkampf. Erst als der kleinere Mann niedergeschlagen nach einer 3:1-Niederlage den Platz räumen muss, werden die Dorfbewohner unserer so richtig gewahr. Die Frau neben mir fährt sichtbar zusammen, als ihre Freundin sie auf mich aufmerksam macht. Es wird getuschelt und gezeigt. Aber es wird auch gelächelt. Wir sind auf diesem Fest die einzigen Langnasen. Schnell wird klar: Wir sind willkommen – und selbst ein kleiner Höhepunkt des Festes.
Während meine Kommunikationsversuche nicht so erfolgreich verlaufen, schließt Bonnie Freundschaft mit der weiblichen Dorfjugend.
Meine beiden Mädchen haben mittlerweile ihre Oma geholt – oder vielleicht sogar schon ihre Ur-Oma. Ein sehr freundliches, extrem wettergegerbtes Gesicht blickt mich neugierig an. Auch an ihr probiere ich meinen fröhlichen Neujahrswunsch aus. Sie drückt mir kurz den Arm und ich ernte ein wundervolles, nahezu zahnloses Lachen. Wir lachen uns beide an und freuen uns, dass wir eine kleine Gemeinsamkeit haben. Mir wird auch ein frohes neues Jahr gewünscht.
Plötzlich stürmen drei Mädchen, die vielleicht so irgendwas um die 14 sind, auf uns zu, sind dann aber von ihrem eigenen Mut überrascht und bleiben schüchtern vor uns stehen. Die erste versucht zu erfragen, wie wir heißen. Als sie sich dabei verhaspelt, schämt sie sich sehr. Ich überbrücke die Hürde und stelle uns mit Namen vor, sodass ihnen der Satz „My name is xxx“ auch leichter über die Lippen geht. Die sind einfach zuckersüß.
Bonnies Mädels bitten um ein Foto und eine große Schwester, schon mit eigenem Kind auf dem Rücken, bietet sich als Fotografin an. Ein mittelalter Mann wankt dazwischen. Er hat ein starkes, alkoholinduziertes Mitteilungsbedürfnis und merkt dabei nicht, dass er dem Foto im Weg steht. Bonnie integriert ihn kurzerhand in die Reihe der Mädchen. Dass er auf diese Weise mit aufs Foto kommt, macht ihn so glücklich, dass er erst Bonnie, dann mir einen dicken Kuss auf die Wange gibt. Dann erzählt er uns noch was, wovon wir nichts verstehen, drückt uns nochmal und schwankt von dannen.
Die Mädchen und einige andere Dorfbewohner winken heftig als wir uns wieder auf unser Motorrad schwingen und losknattern.
Das war schön und sehr sehr herzerwärmend.
Und hier noch ein paar Bilder von unterwegs.
































