Battambang

Wir haben einige schöne Tage in Battambang verbracht. Natürlich sind wir unserer touristischen Pflicht nachgekommen und haben besichtigt: bröckelnde Ruinen, kolonialistische Bauten und bunte Tempel. Drei Höhepunkte haben aber herausgestochen.

Der Bambus-Zug
Da Kriege und Rote Khmer der Infrastruktur des Landes nicht unbedingt gut getan haben, haben sich die Kambodschaner allerhand einfallen lassen, um trotzdem Waren und Personen von A nach B zu befördern. Eine der improvisiert wirkenden Lösungen ist der „Bambuszug“. Dabei handelt es sich um kleine draisinenartige Gefährte auf den alten Schienen der Royal Railway, die als Schienentaxis Personen und Waren befördert haben. (Heute befördern sie nur noch Touristen.)
Zwei Probleme haben diese Gefährte: Zum einen fuhr auf den Gleisen lange Zeit noch ab und zu ein offizieller Zug. (Angeblich fahren auch wieder welche, aber das konnte ich noch nicht verifizieren.) Zum anderen ist die Strecke bei Battambang eingleisig. D.h., sobald Gegenverkehr gleich welcher Art auftaucht, heißt es: Runter von den Schienen!
Das wiederum setzt natürlich gewissen Zwangsbedingungen für die Konstruktion der Gefährte voraus, die in Windeseile – auch von ungeübten Händen – von den Gleisen geräumt und wieder aufgesetzt werden können müssen. Das Ergebnis sind sogenannte „Norrys“, die mit Draisinen am Ende doch gar nicht so viel zu tun haben.
Wie ist so ein Norry konstruiert?
Zunächst einmal wuchtet jemand zwei Achsen auf die Gleise. Was wie Langhanteln aussieht, sind angeblich alte Panzerräder. Dann wird eine Plattform aus Holz und Bambus daraufgelegt. Ursprünglich war es das. Bis zu 15 Menschen sollen auf so einer 2 x 3,5 m großen Plattform Platz gefunden haben und bis zu vier Männer haben die Plattform durch Staken mit Bambusstäben vorwärts bewegt.
Heute liegen Kissen auf der Plattform und es werden 2 bis maximal 4 Personen befördert. Gestakt wird auch nicht mehr. Stattdessen hievt der Fahrer einen kleinen Motor (häufig aus Wasserpumpen oder Generatoren) auf die Plattform und verbindet ihn mit einem Keilriemen mit einer der Achsen. Da der Motor nicht auf der Plattform verankert ist, hat der Fahrer zwei Jobs: Den Gashahn bedienen und den Motor festhalten.
Auf diese Weise erreichen die kleinen Gefährte rappelnde 30 km/h. Abgesehen vom Lärm ein Heidenspaß. Und bei Gegenverkehr heißt es: Der leichtere Norry wird von den Schienen genommen und nach passieren des Gegenverkehrt wieder aufgesetzt.
Man kommt sich ein bisschen vor wie ein Pirat der Schiene, wenn man auf den kleinen Dingern unterwegs ist. Feine Sache!

Fledermäuse
Wir kommen rechtzeitig zur einsetzenden Dämmerung vom Tempel auf dem Phnom Sampeau herabgestiegen. Unten, an der Straße, die an der „Bat Cave“ vorbei führt, erwartet uns bereits Kinobestuhlung beidseitig der Straße. Statt Popcorn gibt es für uns Schnecken, für andere Fleischspießchen, Räucherfisch oder Obst. Die Auswahl ist groß.
Während die Touristen ihr übliches „Where are you from? Oh, Denmark, how nice!“ und „If you go to XX, you should really do YY!“ austauschen und die TukTuk-Fahrer abseits ein Schwätzchen halten oder sich eine Hängematte in ihr TukTuk hängen, beginnt das Fiepen. In der Schule lernen wir, dass Fledermäuse sich mit Ultraschall orientieren. Das heißt aber nicht, dass sie keine hörbaren Laute von sich geben. Jetzt gerade sagen sie so etwas wie: „Guten Morgen! Na, ausgeschlafen? Wollen wir mal langsam los?“ Und dann geht es auch schon los: Mit einem Mal ergießt sich ein 45 Minuten lang nicht endender Schwall Faltlippen-Bulldoggfledermäuse aus der Höhle im Karstgestein. Dabei bleiben die kleinen Luftakrobaten immer in einem engen Strom beisammen, der zwar wahllos die Richtung zu ändern scheint wie ein losgelassener Gartenschlauch, aber dabei nie abreißt.
Manchmal hat man ein wenig Pech und der Fledermaus-Strahl bewegt sich über einen hinweg. Dann wird es mitunter etwas feucht und es lohnt sich, die Getränke zuzuhalten. Umso mehr freut man sich nachher auf eine heiße Dusche. Aber das Schauspiel ist diese kleine Unannehmlichkeit definitiv wert!

Zirkusschule
In den 80ern begann Véronique Decrop Opfern der Roten Khmer in Flüchtlingslagern an der thailändischen Grenze Zeichenunterricht als eine Form von Therapie zu geben. Später kehrte sie mit einigen ihrer Schüler nach Battambang zurück und gründete eine Zeichenschule. Im Laufe der Zeit kamen eine Musikschule, sowie berufsbildende Kurse in Visual Design und Animation hinzu – und eine Zirkusschule. Hier finden gezielt Straßenkinder Beschäftigung und ein zweites Zuhause.
Wenn die Artisten nach 7 bis 10 Jahren ausgelernt haben, gehen sie an die großen Spielstätten in Siem Reap und Phnom Penh – oder werden von anderen Acts unter Vertrag genommen. Aber auch die Zirkusschüler brauchen Praxis und so geben sie fast jeden Abend eine Show.
Man hätte beim Show-Titel „Rouge“ drauf kommen können. Aber ich bin überrascht, als mir bei der ersten, schattentheaterhaften Nummer klar wird, dass sich dieser Zirkusabend um die Roten Khmer dreht. Wäre das bei uns denkbar? Ein Zirkusabend zum Thema Nazi-Terror?
Aber es ist hervorragend gemacht. Zwar sind die Akteure noch keine ausgelernten Akrobaten und es gibt auch Nummern ohne Höchstschwierigkeiten, die sicher darauf ausgelegt sind, auch schwächeren oder jüngeren eine Möglichkeit zum Auftritt in der Gruppe zu geben. Aber insgesamt ist des akrobatische Niveau bei den Teenagern hoch, die Choreos anspruchsvoll und die Bilder stark.
Ich bin am Ende ganz überrascht, dass es den Zirkusschülern gelungen ist, eine Show zu kreieren, die mich keine Sekunde gelangweilt hat, die deutliche, teils beklemmende Botschaften transportiert hat und die trotzdem rundum gelungen ist und Spaß gemacht hat.
Hut ab!
Vielleicht schauen wir uns ja auch noch eine Show der Absolventen in Siem Reap an.

PS: Es gibt Live-Streams von Veranstaltungen heute (am 17.12.) und morgen (18.12.). Denn auch die Zirkusschule kämpft nach Corona mit dem Überleben. Zur Anmeldung geht es hier: http://bit.ly/fightforlight2022

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Frank

    Zweckmäßiges Gefährt dieser Bambuszug. Die Menschen nutzen die Mittel die Ihnen zur Verfügung stehen.

    Der Fledermausschwarm fühlt sich als pirouettendrehende Wolke gegenüber seiner Umgebung bestimmt sicherer.

    Man sieht an Euren Aufnahmen und dem Video, daß die jungen Menschen ganz aufmerksam bei der Sache sind.

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