Der schlitzohrige Malaie

Was Reisen immer wieder eine besondere Würze verleiht, sind die Zufallsbegegnungen. Natürlich geschehen sie viel öfter, wenn man allein unterwegs ist, als wenn man als Paar oder Gruppe eine abgeschlossene Einheit bildet. Aber ab und zu geschehen sie auch uns – und jedes Mal nehme ich mir vor, das auch im heimischen Alltag viel öfter zuzulassen.

Wir sitzen also bei unserem Stamm-Inder in Phnom Penhs Rotlichtbezirk und beobachten das Treiben um uns herum: Die Damen, die Gruppen chinesischer Geschäftsleute hinterherrufen; die beiden Jungs, die jeden Abend versuchen, Dessous, Schlafanzüge und andere Damenober- und -unterbekleidung an die Frau zu bringen; die verschiedenen Streetfood-Verkäufer mit ihren Mopeds und Sidecar-Läden sowie natürlich die älteren, europäisch aussehenden Herren, die die Straße immer wieder auf- und abmarschieren, dabei auffällig unauffällig die „Auslage“ taxieren und von den Damen wesentlich weniger Aufmerksamkeit erhalten als die Geschäftsleute.

Plötzlich fragt ein Asiate, ob er sich zu uns setzen darf. Er bestellt auf Englisch und ich frage ihn, woher er kommt. So entspinnt sich ein Gespräch, das zu 80 % er bestreitet – in fantastischem, wenn auch teils urig schwiezerischem Deutsch!
Er ist Malaie und holt weit aus, als wir ihn fragen, was er beruflich macht. Jetzt, im Rentenalter handelt er mit pflanzlicher Medizin. Aber er hat mal in der Schweiz BWL studiert, bis er eine (später seine) Frau geschwängert hat.
Seine Geschichten sind bunt und sicherlich zugespitzt und übertrieben, aber es wird klar, dass er ein überaus intelligentes Schlitzohr ist. Er hat nach dem Studium mal Maler/Lackierer gelernt, hat Restaurants geleitet, war mal Koch (weil sein Vater ihm gesagt hat, dass er nicht kochen kann), hat zuletzt in Europa Gemälde und Fresken namhafter Künstler restauriert. Mit Autoritäten hat er so seine Schwierigkeiten: „Die Arbeitsteilung ist so: Der Chef besorgt den Auftrag, ich führe ihn aus. Ohne mich ist der Chef nichts. Also muss der Chef mir dankbar sein.“ Finde ich total nachvollziehbar, hat aber dafür gesorgt, dass er pro Jahr bis zu 5 Mal gefeuert worden ist, sagt er.
Er war in der Schweiz auch einige Jahre selbstständig und hat sich in der Zeit mit dem Finanzamt angelegt. Er ist wegen seiner Steuererklärung immer wieder einbestellt worden. Wie er so viel Material kaufen und so wenig Aufträge abrechnen könne? Da hat er dem Beamten gesagt, wenn dieser nicht in der Lage sei, herauszufinden, wie er die Steuer bescheiße, dann sei er eine ziemliche Verfehlung in seinem Job. Das hat dem schweizer Beamten sicher nicht gefallen.
Und immer wieder faltet sich sein schiefes, altersfleckiges Gesicht zusammen und er lacht lustig keckernd.
Mit der Familie war’s auch nicht so einfach. Der Vater, der sich ab dem Alter von 7 als Waise und Straßenjunge durchschlagen musste, hat gespielt, getrunken und Frau und Kinder geschlagen bis unser Freund als einziger Sohn (mit 7 Schwestern) zurückgeschlagen hat. Er hat drei Mal das jeweilige Familienrestaurant verkauft und ist mit dem Geld durchgebrannt, um Monate später abgebrannt zurückzukehren. … Und die Familie hat dann nach einiger Schmollzeit immer wieder gemeinsam ein neues Restaurant gekauft, dass Vater mit seinen Kochkünsten erfolgreich gemacht hat.

Aber es geht nicht nur um seine Lebensgeschichte. Wir sprechen auch über europäische Flüchtlingspolitik und er entpuppt sich als Fan von Orbán und Kaczyński. Denn seiner Ansicht nach muss man eine Mauer gegen den Islam hochziehen. In Malaysia und überall auf der Welt werde der Islam immer extremistischer. In Malaysia liege der Anteil der Islamisten schon bei 30%.
Ich bin überrascht, als er mal kurz in 10 Sätzen die Geschichte des Islam zusammenfasst (soweit ich das beurteilen kann, faktisch fehlerfrei, wenn auch diskutabel in der Interpretation), das Verhalten der verschiedenen europäischen Regierungen in der Flüchtlingskrise besser wiedergibt als ich das könnte und daraus politische Analysen spinnt, die zwar nicht meinen politischen und moralischen Vorstellungen entsprechen, die aber weit mehr sind als Stammtischparolen, die man schnell mal vom Tisch wischen kann.
Und immer wieder dieses entwaffnend schelmische Kichern.

Der Mann ist ein Unikat. Er ist ein Schlitzohr, ein Schelm, ein Selbstdarsteller, ein Lebenskünstler, ein Intellektueller, ein Künstler, ein „Pain in the Ass“, ein Feind des Islams und mit 74 zufrieden mit sich und der Welt. Es sei ihm gegönnt. Uns hat er jedenfalls einen sehr unterhaltsamen Abend beschert.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Annette OCKREI

    Vielen Dank, habt weiterhin viel viel Spass viele tolle Eindrücke ✨✨✨

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