Wir „Cruisen“

… und zwar auf der Pandora Cruise. Eines der schicken Schiffe, die in die Halong Bay fahren.
Hä, werdet ihr euch wundern, wart ihr da nicht schon? Hm, ja fast, aber nur in der Lan Ha Bay, einer Bucht mit kleineren Karstfelsen – ihr erinnert euch vielleicht an einen der ersten Beiträge nur mit Fotos von dieser fantastischen Karstlandschaft. Dieses Mal wollen wir in die Nachbarbucht zu den großen Schwestern der kleinen Felsen. Zu den riesigen Felsblöcken, die man aus den Hochglanzprospekten kennt.

Auf den letzten Metern unserer Reise lassen wir es noch mal so richtig krachen. Denn ich habe diese romantische Vorstellung, auf einem dieser schönen Schiffe, wie Peter Ustinov als Hercule Poirot in „Mord auf dem Nil“ durch diese fantastische Landschaft zu gleiten und einfach nur den Ausblick zu genießen. (Den Mord, der in der Geschichte auch noch passiert, lassen wir einfach mal weg.) Eine schicke Kabine, tolles Buffet und nette Leute, die die Leidenschaft für diese Landschaft teilen, so stelle ich mir diese Mini-Kreuzfahrt vor. Denn wir bleiben nur eine Nacht. Mehr können wir uns nicht leisten.

Die Kabine ist wirklich schick. Sie ist sehr geschmackvoll eingerichtet mit großem Panoramafenster und einem eigenen Balkon – wie geil! Das Badezimmer ist super, eine große abgetrennte Dusche und die koreanische Toilette hat mehr Knöpfe, als mein Handy. Und überall blinken einen die Gold-Applikationen an. Ich bin begeistert und gespannt.v

Schiffkabine

Den ersten Dämpfer bekomme ich, als ich den Touri-Guide, der uns diesen und den kommenden Tag betreuen wird, nach der Strecke frage, weil mir die Umgebung doch recht bekannt vorkommt. Er erklärt, dass wir in die Lan Ha Bay fahren. Ich gucke in unsere Reservierung, da steht eindeutig Ha Long. Er erklärt, dass alles Ha Long heißt und sich dann in drei Unter-Areale teilt und eins davon ist die Lan Ha Bay – also faktisch nicht verkehrt.
Grmpf, so war das aber nicht gedacht.
Egal, die Landschaft ist ja auch schön.

Ich gehe an Deck, um in Ruhe den Ausblick zu genießen. Womit ich nicht gerechnet habe, ist die vielköpfige malayische Familie, die bewaffnet mit einer Drohne lautstark eine halbe Stunde lang „witzige“ Familienfotos von sich macht. (Hab ich eigentlich irgendwo ein Model Release unterschrieben? – Ich glaube nein!) Das Ding filmt und fotografiert alles und jeden. Ich ziehe mich in den hinteren Teil des Decks zurück, aber da bekommt die Kleine von dem indischen Pärchen gerade wieder eine von ihren nervtötenden Quengel-Attacken, die uns schon auf der Hinfahrt erfreut haben. (Der Blick der liebenvollen Sorge hat sich bereits in das Gesicht der Mutter eingefräst. Vielleicht muss Papa das Mädel einfach mal von seinem Arm runterlassen und das Kind aus dieser schrecklichen pinken Neonjacke pellen?!)
Und plötzlich wird der angekündigte Kajak-Ausflug zum Floating Village doch ziemlich attraktiv, obwohl wir da schon waren. Da kann man die anderen wenigstens mit ein paar kräftigen Paddelzügen hinter sich lassen.

Eine Stunde später sitzen wir in einem roten Kajak, das geschlossen ist und nicht wie die anderen unsinkbaren offen. Volltreffer! Denn das heißt, dass wir später nicht klatschnass sind, was bei dem trüben Himmel und den eher kühlen Temperaturen von Vorteil ist.
Leider gleitet dieser Panzer von Fieberglasboot nicht wie üblich durch die Wellen. Man hat das Gefühl, man müsste aussteigen und schieben. Aber ehrlich gesagt, schwimmt hier so viel Plastikmüll und Styropor rum, dass man gar nicht länger als die veranschlagte Stunde mit dieser Aktivität verbringen möchte.

Zurück auf der Pandora Cruise gibt es eine Stunde Freizeit. Schön in der Kabine chillen… wenn da nicht dieser penetrante Geruch nach Diesel wäre, der durch unsere vier Wände wabert. Denn unsere Kabine liegt direkt neben dem Maschinenraum. Wenn wir fahren, ist es so laut, dass Jan und ich uns im Bad fast anschreien müssen.
Tief durchatmen – äh, besser nicht. Setzen wir uns doch auf unseren kleinen Balkon. Kaum haben wir uns in den zwei Stühlen niedergelassen, kommt eine junge Frau mit ihrem Baby auf einem dicken Floß angepaddelt. Sie verkauft alle Arten von Snacks, Bier und Wein an die Passagiere. Anscheinend weiß sie genau, dass diese Köstlichkeiten hier an Bord alle extra bezahlt werden müssen. Sogar Wasser hat einen stolzen Preis!
Zwei sympathische Deutsche, mit denen wir zu Mittag essen, schrauben schnell mal die auf dem Tisch stehende Weinflasche auf, von der sie annehmen, dass sie Teil der Mahlzeit ist. Klingeling: 45 $.
Wir brauchen nichts. Das scheint sie aber nicht zu interessieren und sie guckt weiter mit großen Augen zu uns herüber, schiebt das Baby auf dem Schoß zurecht und rührt sich nicht vom Fleck. OK, also Balkon sitzen is auch nicht.

Schiffsbalkon

Ich erkundige mich beim Tourguide, ob es evtl. eine andere Kabine gibt, die nicht so stinkt. Er fragt, was denn das Problem sei und ich schildere es ihm. Er meint, das wäre ja gar kein Problem, denn nachts würden wir ja gar nicht fahren. Also ist es leise und stinkt dann auch nicht. Na, seine Nase möchte ich haben. Er verspricht auf seine liebenswürdige asiatische Art, dass er das mit dem Manager bespricht und sie das nach dem Essen fixen werden. Übersetzt heißt das: Es wird nichts passieren – finde dich damit ab.
Was wollen sie da auch fixen?!

Es wird der weitere Tagesablauf bekannt gegeben. Wir freuen uns auf ein Sonnenuntergangsritual um 18:00 Uhr (welche Sonne?!?), das Abendessen um 19:00 Uhr und den Karaoke-Abend ab danach (nicht euer Ernst!!!).

Das Sonnenuntergangsritual entpuppt sich als netter kleiner Neujahrsempfang (denn wir feiern das Lunar New Year, das für die Vietnamesen heute begonnen hat) mit anschließendem kleinem „Kochkurs“: Wie man eine Frühlingsrolle zubereitet.
Das Abendbuffet ist wirklich lecker und die Tischkonversation mit den beiden Deutschen in ist angenehm. Und Karaoke will anscheinend – Gott sei Dank! – auch keiner singen.

Mein Highlight des Abends ist allerdings die Info, dass Frühstück am nächsten Morgen um 6:30 Uhr serviert wird, gleich nach dem Tai Chi um 6:00 Uhr auf dem Oberdeck. Haben die nen Vogel?! Ich hoffe inständig, dass diese beiden Aktivitäten nicht wie die anderen über die Kabinenlautsprecher angesagt werden.

Mit diesem Gedanken versuche ich in unserem miefigen Zimmer einzuschlafen, während ich den Karaokeklängen, der um uns herum ebenfalls in Parkposition für die Nacht liegenden anderen Kreuzfahrtschiffe lausche. (Die hatten Lust auf Karaoke. Man glaubt gar nicht wie weit Wasser Schall so trägt…)

Jan hat wirklich den Wecker auf 6:00 gestellt. Ich verpasse doch nicht das Inklusiv-Frühstück! Ich bitte dich! Ich kann es nicht glauben und stehe schon mit schlechter Laune auf. Er macht sich auf an Deck, um ein bisschen beim Tai Chi zuzuschauen. Ich bleibe grummelnd und müde in der Kabine zurück und habe das Bad für mich alleine. Als ich gerade zum Frühstück aufbrechen will, kommt Jan mir entgegen, um seine Jacke zu holen, denn er will lieber an Deck frühstücken. Das klingt nach einer guten Idee.

Wir setzen uns mit unseren Nudelsuppen an einen der Tische, sehen die Schwarzmilane über uns hinwegziehen und lauschen den Vögeln auf dem benachbarten Karstfelsen. Es ist nebelig und die Felsumrisse schälen sich ganz langsam aus dem Dunst. Sonst ist es still. Herrlich! Endlich!

Einvernehmlich skippen wir die morgendliche Aktivität, den Ausflug zu einer Höhle, denn Höhlen haben wir wirklich genug gesehen. Vom Reiseleiter erhalten wir dafür einen ungläubigen bis entrüsteten Blick. Als der Tender (Zubringerschiff) mit der geräuschvollen Meute abdampft, haben wir das Schiff ganz für uns allein. Es ist ruhig, verwunschen und genauso wie ich es mir vorgestellt habe. Wir genießen die Landschaft, auch wenn sich die Sonne nicht wie bei unserem ersten Besuch blicken lässt. Es gibt dem ganzen noch mal ein ganz anderes, dunstig mattes Aussehen.

Ich bin besänftigt und als wir uns gegen frühen Mittag wieder auf den Weg Richtung Hafen machen, bin ich innerlich ein wenig ruhiger. Natürlich haben wir auf den letzten Metern noch Gelegenheit, der zweiten indischen Familie beim ausgiebigen Fotoshooting zuzusehen. Sie sind damit nicht allein, von Selfie bis Profi-Ablichter ist alles an Deck.
Als sich Mama und Papa Singh mit ausgestreckten Armen (in Titanic-Manier) an der Reeling positionieren, damit ihre Tochter die Romantik-Serie knipsen kann, stimmen wir lauthals, ziemlich schief und reichlich textunsicher „My Heart will go on“ an. Als sie das hören, müssen sie auch ein wenig lachen.

Alles in allem bleibt trotz der tollen Landschaft ein unangenehmer Nachgeschmack, denn ich finde 175 $ pro Person für eine nicht mal zweitägige Reise (inklusive jeweils 4 Stunden An- und Abfahrt mit dem Bus) unter diesen Umständen echt zu viel. Zum Vergleich: Ein gutes Doppelzimmer kostet 25 bis 30 $, ein leckeres Essen 1 $ (auf der Straße) bis 5 $ (im Restaurant). Aber bis auf die Lage der Kabine, kann man das dem Veranstalter leider nicht anlasten.

Meine romantischen Vorstellungen von Kreuzfahrten muss ich wohl oder übel geraderücken. Hab ich doch wieder was gelernt!

Übrigens: Das koreanische Wunderklo war nur Fassade. Die Sonderausstattung hatte keinen Strom, sodass man sich doch wieder mit Bum Gun (ich gewinne sie mehr und mehr lieb) und normaler Spülung begnügen musste. Nix mit Popo trockenfönen lassen. Mist!

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Papa Micha

    Schöne Story von eurem „Mein Schiff“! Bin jetzt erst wieder zum Lesen eurer Abenteuer gekommen. Vielen Dank für die tollen und auch lustigen Beschreibungen und wachrütteln über das schon ganz normal gewordene (Geld aus Wand), aber auch die asiatischen Reisegewohnheiten. Da ist die DB doch ein echt deutsches pünktliches Unternehmen ;-). Genießt noch Vietnam, nach diesen täglichen Erlebnissen wird es euch zu Hause eh nur noch langweilig sein 😉 LG 😡

  2. Papa Micha

    nee, nee, nee, das Teufelchen sollte nicht sein!!! So ist es, wenn man mit der Zeichensetzung nicht mehr up to date ist (jetzt mache ich lieber kein Zeichen mehr)

Schreibe einen Kommentar