(Achtung, Bild- und Video-lastige Seite)
Wir haben beschlossen, die Chance zu nutzen und in die weitgehend unberührten subtropischen Wälder im Osten des nördlichen Laos abzutauchen. Dazu haben wir die „Nam Nern River Safari“ gebucht. Wir werden also zwei Nächte im Dschungel verbringen, weitab der zivilisierten Welt. (Zu den Härten der An- und Abreise informiert der letzte Blogbeitrag in epischer Breite.)
Das Formular, das wir unterschreiben müssen, erzeugt beim verpämperten Westeuropäer ein flaues Gefühl im Magen. Vor Ort gibt es keine ärztliche Versorgung. Wir entbinden die Organisatoren von allen dahingehenden Ansprüchen – auch unserer Erben, im Falle unseres Ablebens. Soso.
Bevor es losgeht, werden wir am Ausgangspunkt (Ban) dem Dorfältesten vorgestellt. Er gibt uns eine kurze Führung durch sein Dorf. Hier leben überwiegend Khmu, aber auch einige Lao Loum. Das Auskommen miteinander scheint gut zu funktionieren. Was mich am meisten fasziniert: Den Frauen des Dorfes mal beim Weben über die Schulter zu schauen. Diese Webstühle und Handgriffe sind derart kompliziert und werden mit einer Selbstverständlichkeit und Schnelligkeit ausgeführt, dass ich mir das auch mit ausführlicher Anleitung nicht zutrauen würde.
Im Nationalpark sind wir dann mit einem Guide, einem Steuermann und einem Flusslotsen/Spotter im Langboot auf dem Fluss Nern unterwegs. Es gibt ein Basiscamp mit Bambushütten, in dem wir auch die erste Nacht verbringen, und ein noch tiefer in der geschützten Zone des Nam-Et-Phou-Louey-Nationalpark gelegenes zweites Camp, in dem wir die zweite Nacht im Zelt verbringen.
Am ersten Tag ist noch eine neuseeländische Mutter mit ihren zwei Töchtern (sowie ihrem Guide, Bootsmann und Spotter) dabei, mit der wir uns schon von Luang Prabang nach hier durchgekämpft haben. Am zweiten Tag sind wir allein mit unseren drei Begleitern unterwegs. Der Guide (Touey) ist ein Hmong und spricht überwiegend gut verständliches Englisch. Er ist in Luang Prabang aufgewachsen. Bootsmann und Spotter sind Khmu und stammen aus einem Dorf in der Übergangszone des Nationalparks. Wie alle hier, sind sie hauptberuflich Farmer. Daneben haben sie den Speiseplan ihrer Familien von Klein auf durch Jagd (oder je nach Perspektive: Wilderei) ergänzt. Jetzt haben sie die Jagd gegen diese Jobs bei der Parkverwaltung aufgegeben. Fakt ist: Sie kennen sich aus mit ihrem Fluss, ihren Booten und den wilden Tieren.
Schön ist, dass wir abends am Lagerfeuer jeweils die Möglichkeit haben, mithilfe der übersetzenden Guides ein wenig mit den Dorfbewohnern ins Gespräch zu kommen und Fragen zu stellen. Wir nutzen das, um mehr über Familienstrukturen, Bräuche und Traditionen zu erfahren. Und z. B. um zu erfahren, ob sie es sehr merkwürdig finden, dass Bonnie und ich unverheiratet sind und keine Kinder haben. Aber sie haben inzwischen einige Westler erlebt, die so leben, und nehmen an, dass das für uns schon ok ist. In den Städten gibt es das hier auch.
In Sachen Naturbeobachtung sind an den drei Tagen drei Höhepunkte geplant: Eine Nacht-Safari am ersten Tag, eine frühmorgendliche Safari am letzten Tag und ein kleiner Trek zur Vogelbeobachtung an Tag zwei. Safari bedeutet hier jeweils, dass wir den Fluss in den Langbooten bei ausgeschaltetem Motor in aller Stille hinuntergleiten, während sich Spotter (und bei Tageslicht auch die anderen Begleiter) bemühen, für uns Tiere und Tierspuren zu entdecken.
Die Nachtsafari am ersten Abend ist vielleicht das Spannendste: Nachdem unsere Begleiter uns mit brüllendem Motor und Bambusstäben den Fluss zu einem Picknickplatz hinaufbugsiert haben, was aufgrund des niedrigen Wasserstandes in der Trockenzeit harte Arbeit war, essen wir dort zu Abend. Nachdem wir dann noch eine Weile ums Lagerfeuer gesessen haben, geht es los.
Die Nacht ist tiefschwarz, aber nicht still. Man hört vereinzelte Vögel, aber vor allem Insekten und das Rauschen des Flusses. Nur die Stirnlampe des Spotters vorne im Boot ist eingeschaltet. Wann immer es ihm Strömung und Untiefen erlauben, sucht er die Ufer und Hänge ab. Wenn er etwas sieht, signalisiert er uns das mit seiner Lampe. Dann schalten auch wir unsere Lampen ein, um das, was er gefunden hat, besser zu beleuchten.
Mir ist zu Beginn ganz schwindelig, weil ich seinem hin und her huschenden Lichtstrahl mit meinem Blick und meiner Kopfbewegung folge. Außerdem raschelt meine Mütze und der Helm, den wir zur Sicherheit aufsetzen, an meinem Jackenkragen (es ist wirklich kalt und ich hab alles an, was ich dabei habe). Irgendwann beschließe ich einfach nur noch nach vorne zu schauen, bis es wirklich etwas zu sehen gibt.
Zunächst geschieht lange nichts. Zwar genießen wir die schweigsame Fahrt, aber wir sind doch ein wenig ungeduldig. Als der Spotter dann noch etwas anzeigt, wo wir eigentlich nichts erkennen (ich meine ein paar Augen aufleuchten gesehen zu haben, aber mehr nicht), sind wir schon ein wenig enttäuscht. Vielleicht gehören wir zu den Gästen, die nichts zu sehen bekommen. Man hat uns vorgewarnt, dass das gelegentlich vorkommt. Ich versuche mich innerlich damit zu trösten, dass allein diese nächtliche Fahrt auf dem Fluss schon etwas ganz Besonderes ist.
Dann zeigt der Guide aber in kürzerer Folge mehrfach etwas an. Beim ersten Mal sehe ich eine große Katze, an einem Baumstamm heruntergleitet. Die zweite Katze ist etwas kleiner, aber wir können sie etwas länger beobachten, zumal sie aus ihrem Baum noch eine Weile vorwurfsvoll ins Licht schaut. Die Guides identifizieren die kleinen Raubtiere für uns. Strenggenommen sind es Schleichkatzen, also keine echten Katzen. Zuerst eine Indische Zibetkatze, dann ein Fleckenmusang, bekannt aus der Werbung als Kaffeekacker (Kopi Luwak bzw. Schleichkatzenkaffee).
Etwas später entdecken wir noch einen Muntjak im Unterholz (kleineres Reh-artiges Tier mit Geweih). Dann streicht eine größere Gruppe Sambare (Pferdehirsche) durchs Gebüsch, von denen ich aber nur zwei deutlich zu sehen bekomme – eine Vorderhälfte und eine Rückansicht.
Als wir etwas später am Camp anlegen, sind wir vom reglosen Sitzen in der kühlen Flussbrise gut durchgefroren und wieder einmal glücklich, dass wir viele Schichten Kleidung eingepackt haben.
Die Vogelbeobachtung am zweiten Tag verläuft insofern ähnlich, als wir zunächt einmal nicht viel sehen. Wir durchqueren ein ehemaliges Dorf, das nach dem Vietnamkrieg aufgegeben wurde und das sich die Natur fast vollständig zurückgeholt hat. Dann kämpfen wir uns einen kleinen Berg hinauf (haha, von wegen klein), quer durch eine ehemalige amerikanische Militärbasis. Hier muss es auch einen Hubschrauberlandeplatz gegeben haben. Zu sehen sind nur noch vereinzelte Gräben der Befestigungsanlagen. Vögel sehen wir kaum. Heute bin ich darüber wirklich sehr frustriert, denn zusätzlich zum Fernbleiben der Piepmätze, entpuppt sich der kleine 2 km lange „Vogelerkundungsrundgang“ ums Camp, als satte Bergwanderung. Und ich frag vorher noch „ist es steil?“ und die Antwort „nein, nicht wirklich.“ war glatt gelogen. Es ist sakcksteil!!! Stimmt. Und Stufen wurden lediglich mit der Machete in den mit Laub bedeckten Boden gehauen, wenn es überhaupt welche gibt.
Immer wieder versucht unser Guide die Stimmen von Bankivahühnern nachzumachen, der wilden Stammspezies unserer Haushühner, wenn er sie im Unterholz hört. Das klingt allerdings nicht sehr nach Huhn und wird vom Federvieh auch mit völliger Missachtung gestraft.
Erst auf dem Abstieg vom Berg kommen wir an einem Baum vorbei, der dankenswerterweise zahllose Beeren trägt, aber kein Laub. Und hier ist was los: Wir sehen gelbgrüne taubenartige Vögel, kleine weißgelbe Vögel, grüne Vögel mit schwarzem Kopf und Häubchen, einen kleinen grünen Vogel mit blauem Kopf und rotem Irokesen-Ralleystreifen, außerdem Eich- und Streifenhörnchen. Am meisten amüsieren wir uns über die Hörnchen. Die Streifenhörnchen, die durch den Baum zischen als wären sie auf Speed. Und die Eichhörnchen, die an Schwanz und Hinterbeinen von irgendwelchen Ästen kopfüber hängen, während sie sich genüsslich die Beeren reinschieben. Mit dem ersten Lachanfall über die drolligen Hörnchen und die bunte Vogelschar ist mein Gemüt wieder besänftigt. Ich freue mich nachträglich, dass ich nicht vorher gestreikt habe und umgekehrt bin, denn nach dem Beerenbaum sind es nur noch rund 10 Minuten Weg zurück ins Camp. Wäre ich vorher umgedreht, hätte ich die letzten 1,5 Stunden Auf und Ab noch mal durchleben müssen, obwohl das Ziel zum Greifen nah gewesen wäre.
Die Morgensafari am dritten Tag beginnt direkt nach Sonnenaufgang. Dieses mal sehen wir neben einigen Otterspuren nur Vögel. Endlich die blöden Hühner (recht unspektakulär, weil sie ihren domestizierten Artgenossen zum Verwechseln ähnlich sehen), zwei Eisvögel (die waren toll! Ihr Blau leuchtet so strahlend, wenn sie wie Pfeile an einem vorbeischießen) und später, als der Motor schon wieder eingeschaltet ist, auch noch eine Schlangenweihe.
Aber auch ganz ohne spektakuläre Großwildsichtung ist die Fahrt herrlich: Diese Ruhe (nicht: Stille) und Friedlichkeit. Der streckenweise gemächlich dahinfließende, naturbelassene Fluss zwischen steilen, mit nahezu undurchdringlichem Grün bewachsenen Hängen. Dann wieder Stromschnellen, die den Bootsleuten und Lotsen ziemlich viel Geschick und körperlichen Einsatz abverlangen. Ein Erlebnis und ein Privileg, das mal erlebt zu haben.
Übrigens finden wir, dass unser Geld (war nicht ganz wenig) hier gut investiert ist. Die Parkverwaltung bindet die Einheimischen geschickt ein. So ist z. B. eines der Dörfer verantwortlich für diese Flusssafari, ein anderes für bestimmte Treks, die angeboten werden. D.h. das all unsere Bootsleute und Spotter aus diesem Dorf kommen. Dabei wird darauf geachtet, dass aus jeder Familie nur ein Mitglied für die Touristentouren beschäftigt wird und dass bedürftige Familien bevorzugt werden.
Darüberhinaus erhalten alle Dörfer in der Pufferzone des Parks Prämien pro gesichtetem Tier. Die Prämie ist umso höhrer, je seltener das Tier ist. Das steigert die Motivation, für den Schutz und Erhalt der bedrohten Tiere zu sorgen.
Danke für die schönen Bilder und Videos!
Neugierig habe ich mich gleich mal in die vietnamesische Vogel- und Hörnchenwelt eingelesen: es gibt tatsächlich (Siebold-)Grüntauben, und Palmenhörnchen und Schönhörnchen… und mein Eisvogel hier aus Marzahn lässt seine Cousins in Vietnam grüßen – Dschungelzwergfischer, ganz schick in rosa-lila, gleiche Familie 😉 Nach eurer Rückkehr erwartet er einen persönlichen Bericht von euch – also übt schon mal euer Zwitschern…
Der Dschungelzwergfischer ist ja süß! Nein, den haben wir nicht gesehen. Unserer kleidete sich ganz „gewöhnlich“ in kobaltblau und orange. Auch sehr hübsch.
Dann war bestimmt ein hiesiger Eisvogel auf Urlaub in Südostasien – oder im Sababtical, so wie ihr… 😉
Wow! Jetzt erst angeschaut! Sehr beeindruckend. Lebensweise, Natur, Tierwelt, Expeditionsfeeling – das hat sich gelohnt! Danke für Text und Bild, da entkommt man ein bisschen den hiesigen grauen Winter!