Spätestens das zweite, das einem Westler, der noch nicht hier war, einfällt, wenn er das Wort „Vietnam“ hört, ist der Vietnam-Krieg. Oder wie er hier heißt: Der amerikanische Krieg. Der Vietnamkrieg folgte einer Zeit der gewaltsamen Befreiung von französischen Besatzern. Vietnam war zu dieser Zeit tief gespalten – politisch wie ideologisch. Die daraus erwachsenen Konflikte sahen die großen politischen Player auch als ihre Konflikte an. Die USA fürchteten, dass es einen Dominoeffekt bei asiatischen Ländern auslösen könnte, wenn sich in Vietnam die kommunistischen Kräfte durchsetzen würden. Aus diesem Grund hatten sie schon die Franzosen militärisch kräftig unterstützt und sahen sich jetzt selbst unter Zugzwang, als die Franzosen ihre brutalen kolonialistischen Bemühungen in Indochina aufgaben.
Auch wenn die Amerikaner sicher behauptet haben, irgendwelche Werte zu verteidigen, ging es letztlich darum, den Kommunismus mit allen Mitteln zu verhindern. Und „alle Mittel“ scheinen zumindest einige sehr ernst genommen zu haben.
Das War Remnants Museum, das früher „Museum of American War Crimes“ hieß, hat mich überrascht. Es ist schonungslos. Und es hat eine vietnamesische Perspektive. Aber es erscheint mir nicht unfair gegenüber den Amerikanern. Vielleicht weil der Krieg zugleich ein Bürgerkrieg war und eine vorschnelle Aburteilung der Amerikaner immer auch einen großen Teil der eigenen, südvietnamesischen Bevölkerung treffen würde.
Draußen im Hof gibt es schweres militärisches Gerät zu bewundern. Panzer, Mörser, Kampfflugzeuge, den berühmten Chinook-Transporthelikopter. Außerdem gibt es Zellen und Foltereinrichtungen. Die „Tigerkäfige“ der Franzosen zum Beispiel. Oder Käfige aus Stacheldraht, in denen die Insassen nur zusammengekrümmt kauern konnten.
Die Bilder der Gefolterten in der dazugehörenden Ausstellung setzen mir ordentlich zu und ich kann mir den Teil nicht bis zum Ende ansehen.
Drinnen gibt es verschiedene Abteilungen:
- Über die eingesetzten Waffen: In Vietnam wurden drei Mal so viele Bomben abgeworfen (14,3 Millionen Tonnen) wie im zweiten Weltkrieg auf Deutschland niedergingen.
- Über die amerikanische Militärstrategie, z. B. Operation Rolling Thunder oder Operation Linebacker.
- Über die Kriegsberichterstatter, die in Vietnam ihr Leben gelassen haben. Der erste von ihnen war Robert Capa, eine Legende unter den Kriegsfotografen.
- Über dokumentierte Kriegsverbrechen des Vietnamkriegs wie das Massaker von Mỹ Lai, das u. a. durch die Bilder von Kriegsfotografen vor Gericht gebracht werden konnte.
- Aber auch über die amerikanische Helikopter-Crew, die mutig eingeschritten ist und dem Massaker von Mỹ Lai damit ein Ende gesetzt hat.
- Sowie über viele amerikanische Soldaten, die in Vietnam und in den USA protestiert haben und damit ihre Zukunft und ihre Freiheit aufs Spiel gesetzt haben.
Besonders schockiert hat mich aber die Abteilung über Agent Orange und seine Spätwirkungen.
Jeder hat von Napalm und Agent Orange gehört. Jeder kennt die Bilder brennender Menschen aus dem Vietnamkrieg und weiß, dass Agent Orange genutzt wurde, um den Urwald zu entlauben und den Vietcong damit ihre Verstecke zu nehmen. Aber Agent Orange lässt nicht nur Blätter zu Boden fallen. Agent Orange ist Dioxin und damit für alle Lebewesen eine der giftigsten Substanzen, die der Mensch je hergestellt hat. Und was ich nicht wusste: Agent Orange wirkt weiter, inzwischen in der vierten Generation. Die Wirkungen sind vielfältig: Krebs und schlimme Hautkrankheiten. Körperliche Missbildungen jeglicher Art, von fehlenden Gliedmaßen über Wasserköpfe bis zu Verdrehungen und Verwindungen des Körpers, für die ich keine Worte habe, bei denen es mich aber überrascht oder eher erschüttert, dass die Betroffenen Babys überleben und heranwachsen.
Von den nicht lebensfähigen Missbildungen stellt das Museum einige in Formaldehyd aus.
Aber Agent Orange verursacht auch geistige Schäden, deren Beschreibungen mir in aller Öffentlichkeit die Tränen in die Augen getrieben haben: Kinder, die nie sprechen lernen. Kinder, die nicht lernen sozial zu interagieren. Kinder, die nicht einmal alleine essen können. Das Mädchen, dessen menschlichste Regung offenbar ist, nicht nach ihrem Vater zu schnappen, wenn er ihr Essen durch die Gitterstäbe reicht, die die Familie und Umwelt vor ihrer Aggression schützen sollen.
Auch der amerikanischen Opfer von Agent Orange wird gedacht – und auch das sind nicht wenige.
Harter Tobak. Und ein schrecklicher Krieg.
Was mich das Museum gelehrt hat:
- Es ist grauenhaft, wozu Menschen fähig sind. Auch normale Menschen wie du und ich, wenn die tägliche Brutalität eines Krieges sie verroht und ihren moralischen Kompass zersetzt.
- Es ist bewundernswert, mit welcher Freundlichkeit und Offenheit die Vietnamesen heute Ausländer – auch Amerikaner – empfangen. Vielleicht ist die zynische Begründung die, das die meisten, die den Krieg miterlebt haben, nicht mehr leben. Aber ich ziehe es vor, davon auszugehen, dass die Vietnamesen zähe Knochen, aber im Grunde ihres Herzens vor allem gute und freundliche Menschen sind. Und ich empfinde tiefen Respekt, dass sie es schaffen, diese traumatisierenden Zeiten – zumindest im Alltag – weitgehend hinter sich zu lassen.
- Bewundernswert finde ich auch, dass die Vietnamesen nicht nur ihre gesunden Kinder lieben, sondern alle ihre Kinder. Und dass sie sich mit Hingabe auch um die schlimmsten Behinderungen kümmern, die Agent Orange leider immer noch hinterlässt.
Herzlichen Dank für den Bericht über Euren Besuch im War Remnants Museum. Schon ihn zu lesen, kann einem die Tränen in die Augen treiben. Wir haben bei unserem Vietnam-Trip leider wenig von den Folgen des Vietnam-Kriegs zu sehen und zu spüren bekommen. Das hat mir gefehlt. Es war allerdings schon ein seltsames Gefühl, von Orten zu hören und sie z. T. dann auch zu besuchen, die man in den Zeiten des Krieges tagtäglich in den Nachrichten hörte – in Nachrichten, die viele meiner Generation (es war ja in der Zeit meines Studiums in Tübringen, München und Bonn!) veranlassten, Ho–Ho-Ho-Chi-Minh skandierend durch die Städte zu ziehen….