Ninh Binh: Durch den Monsun

Die nackte Wahrheit! Ein ganz subjektiver Bericht.

Heute ist ein Tag, den ich wahrscheinlich nicht so schnell vergessen werde. Wir machen eine Tour in den Cuc Phuong Nationalpark. Etwas eintauchen in die Wildnis. Highlight neben einem netten Spaziergang durch den Dschungel wird der Besuch im Primate Rescue Center, wo wir niedliche Äffchen angucken. Da freue ich mich drauf.
Unser Guide für den Tag ist Vinh – eigentlich unser Rezeptionist im Hotel. Aber wie sich rausstellt hat er früher im Nationalpark gearbeitet und Gruppen durch den Urwald geführt. Besser kann es für uns nicht laufen.

Er schlägt vor, einen Abstecher in eine Höhle zu machen, in der es Spuren „prähistorischer Menschen“ und vielleicht Fledermäuse geben soll. Das klingt spannend und wir willigen ein. Warum Höhlen immer oben sein müssen, habe ich bis jetzt noch nicht verstanden. Es geht auf alle Fälle wieder mal „einige“ Stufen nach oben. Beim einsetzenden Regen (laut Vinh ist der Monsun im Anmarsch) teilweise eine glitschige Angelegenheit.
Die Höhle ist leider verlassen, zumindest von Fledermäusen. Merkwürdige dicke Tausendfüßler mit Spinnenbeinen in Handgröße gibt es aber noch. Sie bewegen sich ziemlich rasch, wenn man sie mit der Taschenlampe beleuchtet. Ekelich!!! Dicke Grillen scheinen sich in diesem absoluten Dunkel ebenfalls wohl zu fühlen.
Vinh treibt uns in stockfinstere Bereiche der Höhle, in die ich mich freiwillig wahrscheinlich nicht gewagt hätte – und die wir im Leben alleine nicht gefunden hätten. Auch eine ziemlich steile, verrostete Leiter hoch… glitschig und nur durch den spärlichen Schein seiner Taschenlampe von oben und Jans Handylicht von unten beleuchtet. Ich bin echt froh, als wir diesen Teil der Tour heil beenden und das Licht der Welt wieder erblicken. Wobei der Ausblick aus der Höhle nach draußen definitiv was Faszinierendes hat. Ich kann mir gut vorstellen dass auch die Höhlenmenschen hier schon gesessen und den Ausblick genossen oder sich einfach nur gefreut haben, jetzt gerade nicht raus in den Regen zu müssen.

Tausendfüßler mit Spinnenbeinen

Nach einem viel zu opulenten Mittagessen nach lokaler Art geht es in den Dschungel. Eine Tour von 6 Kilometern, ein Rundweg: 3 km hin und 3 km zurück. Das schaffe ich. Kein Ding. Da haben wir zu Hause schon viel längere Wanderungen unternommen…
Aber was soll ich sagen, da habe ich mich definitiv zu früh gefreut.
Anfangs ist die wilde Natur noch spannend. Vinh zeigt uns Insekten, insbesondere Stabheuschrecken, die wir ohne ihn nie entdeckt hätten.

Stabheuschrecke (männlich)
Stabheuschrecke (männlich)
Stabheuschrecke (weiblich)
Stabheuschrecke (weiblich)

Irgendwo auf der Route biegt Vinh vom ursprünglichen Weg ab, mitten ins dichte Blätterwerk hinein. Anhand der nachlassenden Anzahl der Fotos, die ich knipse, kann man die Konzentration ablesen, die ich für den Weg vor mir aufbringen muss.
Es geht über Stock und Stein bergab und vor allem auch bergauf. *grmpf*
Luftwurzeln, lose Steine und trügerisch sicher wirkende, aber sehr morsche Baumstümpfe sind nicht meine Freunde. Mittlerweile sind Steine und Wurzeln richtig glitschig. Ich rutsche regelmäßig weg. Langsam tritt der Spaß und die Neugier in den Hintergrund und es ist eher nur noch eine sportliche Herausforderung.
Drei Stürze und zwei geheime und einen leider nicht sehr geheimen Heulanfall später, merkt auch Vinh, dass zumindest ich völlig am Ende bin. Ich bin nicht nur von außen nass, sondern auch von innen total in Schweiß gebadet – einerseits wegen der Hitze, Luftfeuchtigkeit und Anstrengung, und andererseits aus Angst, hier eher rausgetragen werden zu müssen, als alleine hier rauszukommen. Ich gebe dem sehr sehr starken Impuls, mich einfach heulend an die Erde zu setzen und keinen Schritt weiter zu gehen, letztendlich nicht nach. Obwohl ich sowieso schon total verdreckt bin, das also keinen Unterschied mehr machen würde. Aber aufgeben is ja keine Lösung, also reiße ich mich zusammen.
Als ich Vinh frage – nachdem ich wieder zu Atem gekommen bin – wie es sein kann, dass er mit seinen glatten, neuen Turnschuhen nicht permanent ausrutscht, meint er auf die vietnamesisch unbestechlich höfliche, aber sehr ehrlich Art:“ Ich bin ein dünner Mann mit gutem Gleichtgewichtssinn.“
Egal, egal, egal… Ich überhöre innerlich den mitschwingenden Satz in meinem Kopf „Die dicke Frau hat keine Kondition und bekommt zusätzlich auch noch keinen Fuss vor den anderen“, denn mein Ausbruch hat zur Folge, dass Vinh umkehrt und wir nach erneuter Kletterei auf den ursprünglichen Weg zurückkehren. Die totale Erleichterung tritt ein und ich kann beim Laufen auch mal wieder den Blick in die Landschaft heben und mich nicht nur starr auf die paar Quadratzentimeter vor meinen Füßen konzentrieren. Vor allem bekomme ich wieder Luft. Ein herrliches Gefühl.
Am Ende sehen Jan und vor allem ich aus wie die Dreckschweine, wohingegen Vinh nicht mal ins schwitzen gekommen zu sein scheint. Er wirkt wie frisch aus dem Modekatalog.

Der anschließende Besuch im Primate Rescue Center ist für mich ehrlich gesagt leider keine Wiedergutmachung für die Schlammwanderung. Es ist auf der einen Seite schön zu sehen, dass hier verletzte oder beschlagnahmte Affen wieder aufgepeppelt werden, um sie später wieder auszuwildern. Aber meine Hoffnung, niedliche kleine Äffchen von Nahem zu sehen, erfüllt sich nicht. Die Gehege sind weiter weg und da es in Strömen regnet, haben die kleinen Gesellen genauso wenig Lust nass zu werden wie wir und verstecken sich.
Das ist das erste Mal, dass ich ein Tier sehe, von dem es auf der Welt nur noch 70 Exemplare gibt – fünf davon hier.

Mein Energielevel für den Tag ist mittlerweile auf Reserve-Akku, so dass ich bald keine Lust mehr habe, Primaten zu gucken, sondern mich einfach nur nach einer heißen Dusche und nach Schlaf sehne.
Ich kann mit voller Überzeugung behaupten: Das war heute defintiv nicht mein Tag.

Erkenntnis des Tages:
Lieber an dünnen Ästen mit frischem Grün festhalten, als an alten, dicken Baumstümpfen, die unter dem eigenen Gewicht zu Moder zerfallen und den Sturz nicht bremsen.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Birgit

    Meinen tiefen Respekt!
    Bei diesem Bericht werden auch wieder Erinnerungen wach, die wir bei einer Wanderung in einem Nationalpark in Thailand gemacht haben…immer bergauf über Wurzeln und Steine mit extremer Luftfeuchtigkeit und Wärme. Wir hatten am Ende auch klitschnasse Shirts wie nach einem starken Regen.
    Dieser Tag bleibt garantiert in Erinnerung 🙂

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