Die ersten Eindrücke von Albanien strukturiert zusammenzufassen fällt schwer. Ein paar einfache Sätze vorweg, die so oder ähnlich vermutlich auch in jedem Reiseführer stehen:
- Die Menschen sind sehr freundlich. Die Touristen sind willkommen und werden auch so behandelt. Selbst wenn man keine gemeinsame Sprache hat, versuchen die Menschen, irgendwie weiterzuhelfen. Wir haben bisher auch nicht das Gefühl, dass Touristen besonders abkassiert werden – außer vielleicht beim Parken.
- Es ist heiß. Die Leute sind früh und spät auf den Beinen. Mittags sind hauptsächlich Touristen unterwegs und Einheimische, die mit Touristen ihr Geld verdienen (müssen).
- So etwas wie (verbindliche) Bauvorschriften scheint es hier nicht zu geben. Und was es an Vorschriften gibt, scheint gern ignoriert zu werden. In unseren Gesprächen, z. B. mit unserem ersten Taxifahrer und unserem Fremdenführer in Tirana kam immer sofort das Problem der Korruption zur Sprache. Das scheint tief verwurzelt zu sein.
- Das Essen ist lecker. Typischerweise bestellt man mehrere kleine Gerichte für den Tisch, die jedes für sich eigentlich einfach, aber ausgesprochen schmackhaft zubereitet sind. Auch wenn das für die meisten von euch vermutlich nichts bedeutet, aber ich habe sogar die Auberginen aufgegessen!
- Die Landschaft ist vielfältig. Wir sind jetzt aus der Ebene, in der Tirana liegt, in die Berge gefahren und haben heute eine Fahrt über den Koman-Stausee unternommen. (Dazu vielleicht später mehr.) Die „verfluchten Berge“, wie dieser Teil der albanischen Alpen auch genannt wird, ist wirklich wunderschön. Leider ist sie immer wieder auch vermüllt. Albanien hat ein Müllproblem.
- Der Umgang mit Religion scheint entspannt zu sein. Vielleicht ist das die Folge von 50 Jahren verordnetem Atheismus. Aber es ist angenehm. Moscheen stehen neben katholischen und orthodoxen Kirchen. Geheiratet wird untereinander viel. Irgendwo stand: „Wenn man hier jemanden nach seiner Religion fragt, ist die Antwort: Albaner“.
- Der Verkehr ist recht ungeordnet. Man hält es mit Verkehrsregeln wie mit den Bauvorschriften: ein kreativer Umgang ist mindestens geduldet, wenn nicht sogar erforderlich. Dabei nimmt man aber Rücksicht aufeinander. Eben die Vorfahrt genommen? Schon ok, am Ende war’s so für alle schneller. Zu spät zum Überholen angesetzt? Macht nichts, der Gegenverkehr macht Platz, ohne zu murren. Bonnie assimiliert sich hier überraschend schnell.
Was noch?
Tirana hat uns mit seiner kreativen Architektur beeindruckt. Und damit meine ich nicht, die sehr im Freestyle nachträglich angebauten Balkone oder die sicher nicht genehmigten nachträglich hinzugefügten Stockwerke und Penthäuser. Sondern die modernen Gebäude, die jedes auf eigene Weise angenehm verspielt wirken:
- ein Hochhaus, mit aus der Fassade vorspringenden Räumen, die das Relief Albaniens bilden.
- ein Hochhaus, das ähnlich wie Eschers „Bond of Union“ mit einer organisch geformten Fassade und strategisch auskragenden Balkons ein Gesicht formt. (Offiziell das des Nationalhelden Skanderbeg, böse Zungen behaupten aber, das des aktuell wegen Korruptionsvorwürfen im Gefängnis sitzenden Premiers Edi Rama.)
- zwei Hochhäuser, die an die „tanzenden Häuser“ in Hamburg erinnern, nur dass sie dabei freundlich bunt sind.
- ein Ensemble aus bunten Quadern, von denen einer „heruntergekippt“ ist. Der schrägliegende Kasten beherbergt passenderweise ein Kino mit steil aufsteigenden Sitzreihen.
- …
Die Zeit der kommunistischen Diktatur ist noch sichtbar, auch wenn man sich Mühe gegeben hat, Spuren zu verwischen und z. B. den im Ostblock unvermeidlichen „Kulturpalast“ aufgehübscht und Kommunistensterne aus Mosaiken entfernt hat. Aufgearbeitet wird die kommunistische Vergangenheit aber wohl nur vereinzelt. So waren wir z. B. im „Haus der Blätter“, vielleicht so genannt, weil man den Sitz der Geheimpolizei (und wohl auch Foltergefängnis) nicht bei einem konkreteren Namen nennen wollte.
Während Tirana weltstädtisch sein möchte, in vieler Hinsicht sicher progressiv ist, aber am Verkehrsinfarkt leidet, ist uns Shkodra mit seinem mediterranen Flair sympathischer. Es gibt schön gestaltete, verkehrsberuhigte Bereiche mit viel Leben und Gastronomie. Anders als in anderen touristischen Orten sind hier aber abends nicht nur die Touristen, sondern auch die Einheimischen mit Kind und Kegel unterwegs. Alle machen sich fein. Es ist bunt, es ist ein bisschen laut, aber es ist vor allem entspannt und fröhlich. Shkodra rühmt sich auch, eine Fahrradstadt zu sein. Das ist an der Infrastruktur eher nicht erkennbar (wir haben genau einen(!) Fahrradweg gesehen), aber in der Tat ist jung und alt auf klapprigen Drahteseln unterwegs. Teils weiß mach nicht so genau, wer klappriger ist, das scheppernde Gefährt, oder sein Passagier.
In den nächsten Tagen geht es mehr in die Provinz. Wir sind sehr gespannt, welche neuen Eindrücke dann hinzukommen und wie sich unser Bild von Albanien erweitert.
Sehr kreativ, die Architektur! Ästhetisch sehr gemischt, aber interessante Ideen. Das Kino würde ich gern von innen sehen.
Ich auch. Dazu hat die Zeit leider nicht gereicht.
Gute Reise euch beiden, sieht nach tollen ersten Eindrücken aus. Wir wünschen euch eine wunderschöne Zeit! LG
❤️
Die Beispiele von moderner Architektur, die ihr ununs an Hand einiger gelungener Fotos zeigt, sind ja wirklich beeindruckend.
Vielen Dank dafür, dass ihr uns wieder so intensiv an eurer Reise teilhaben lasst. Ich bin gespannt auf das, was noch kommt!
Wow! 🤩 Tolle Bilder und Eindrücke. Habt eine fanatische Zeit. Ich lese und reise mit euch mit. 😻