Berat und religiöse Akzeptanz

Wir sind inzwischen in Himarë an der Adria angekommen, haben zuvor aber einige Nächte in Berat verbracht. Wir haben uns also von einer eher muslimisch geprägten Gegend über den Llogara-Pass in einen stärker griechisch geprägten, überwiegend christlich-orthodoxen Landesteil begeben. Zwar überwiegt in verschiedenen Landesteilen die eine oder andere Bevölkerung (Shkodra ist eher katholisch), aber überall müssen die verschiedenen Religionen miteinander auskommen.

Was man von Berat am ehesten kennt und was jeden Albanien-Reiseführer ziert, ist der Blick auf Mangalem, das muslimische Viertel, das sich einen steilen Hang hinaufzieht. Besonders fotogen ist an Mangalem die einheitliche, ottomanisch geprägte Bauweise, die sich beim Wiederaufbau nach einem schweren Erdbeben 1851 ergeben hat. Die unteren ein, zwei Geschosse sind massiv aus Naturstein erbaut, haben kaum Fenster und dienten der Vorratshaltung und z. T. auch als Stall. Die oberen, weiß getünchten Geschosse springen vor, sind von der Bauweise her leichter, besitzen reichlich Fenster und enthalten Holzschichten, die helfen sollten, Erdbeben besser abzufedern. Hier lebte die Familie. Die zahllosen Fenster sind der Grund für den Beinamen „Stadt der 1001 Fenster“.

Berat: Mangalem bei Tag
Berat: Mangalem bei Nacht

Das gegenüberliegende christliche Viertel, Gorica, auf der anderen Seite des Flusses sieht ähnlich aus, ist nur nicht ganz so eng, weil nicht an einen vergleichbar steilen Hang gabaut. Auch die Christen hatten also die Bauweise der Ottomanen übernommen, denn man lebte recht einträchtig zusammen.

Und das bringt mich zum eigentlichen Thema: Berat schmückt sich damit, dass die verschiedenen Religionen (Muslime, Bektashi, Katholiken und Orthodoxe Christen) hier besonders einträchtig miteinander leben. Überhaupt stolpern wir immer wieder darüber, dass man in Albanien stolz darauf ist, kaum Konflikte zwischen den Religionen zu haben.

Berat: muslimisches und orthodoxes Gotteshaus Seite an Seite

Das mag u. a. am Kommunimus liegen. Enver Hoxha, der Albanien als stalinistischer Diktator vom 2. Weltkrieg bis in die 80er-Jahre regiert hat, hatte Albanien zum weltweit ersten atheistischen Staat erklärt und alles daran gesetzt, offene Religionsausübung zu unterdrücken. Nach ein, zwei Generationen sorgt so etwas womöglich für ein weniger emotionales Verhältnis zur eigenen Religion. Aber Berat zeigt, dass schon vor dem Kommunismus ein friedliches Miteinander möglich war. Selbst innerhalb der Burg von Berat finden sich seit Jahrhunderten sowohl Kirchen als auch Moscheen.

Heute sind hier Ehen zwischen Muslimen und Christien keine Seltenheit. Auch unser muslimischer Fremdenführer in Berat hat christliche Cousins. Sie feiern Weihnachten und Ramadan.

Aber die Akzeptanz beschränkt sich nicht auf Muslime und Christen, sondern schließt auch Juden mit ein. Als die Juden während des 3. Reichs in Massen aus Deutschland flohen, fanden viele Aufnahme in Albanien und wurden während des Krieges sowohl von muslimischen als auch christlichen Familien versteckt.

Zwar gibt es heute kaum noch Juden in Albanien, aber wir erleben einen schönen Moment: Während unserer Stadtführung in Berat spricht eine Frau unseren Frendenführer an. Sie ist auf der Suche nach irgendwas. Er nimmt ihr Handy, um ihr etwas in ihrer Navigations-App zu markieren und erkennt, dass sie Israeli ist. Daraufhin fängt er an, (ein paar Brocken) hebräisch mit ihr zu sprechen, was sie freudestrahlend zurücklässt.

Es scheint zu stimmen, was wir schon zitiert haben: Die Menschen hier verstehen sich in erster Linie als Albaner, erst in zweiter Linie als Muslime oder Christen.

Berat: wir auf der Burg, im Hintergrund Stadtteil Gorica auf der anderen Flussseite

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Birgit Pietsch

    Liebe Bonnie, lieber Jan,

    wie schon beim letzten Mal reise ich euch immer ein paar Tage hinterher und bin dankbar, aus der Ferne über die Schulter schauen zu dürfen. Es ist wunderbar, dass ihr das macht: neue Länder bereist, mit unterschiedlichsten Menschen ins Gespräch kommt und eure Eindrücke so ausführlich teilt.
    Diese Horizonterweiterung ist gerade in der heutigen Zeit so wichtig! Danke!

    Und vor allem: Habt Spaß und genießt eure Zeit!

    1. Jan

      Das machen wir! Liebe Grüße!

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