Wir sind jetzt seit 10 Tagen unterwegs und haben gestern den ersten Tag mal nur am Strand gelegen, gelesen, haben uns ab und an in der glasklaren Adria abgekühlt und gequatscht. Dabei kam die Frage auf: „Wie gefällt es uns eigentlich?“ Unabhängig von einander kamen wir auf „Ganz OK“.
Warum eigentlich nur ganz OK?
Albanien ist ein wunderschönes Land, die Menschen sind überwiegend sehr freundlich und die Sonne scheint ohne Unterlass … Was ist also los?
Ein Erklärungsversuch: Wir sind mittlerweile schon ziemlich weit gereist. Ein Erlebnis hier triggert ganz häufig eine Erinnerung aus einem früheren Urlaub.
- Als wir in Tirana ankommen fühle ich mich an SriLanka erinnert: schwül, heiß und absolutes Verkehrschaos.
- Der Verkehr ist hier wild und flüssig. Man muss sich dem Flow hingeben, dann läuft es. Genau wie in Vietnam. Die einen von rechts beim Überholen schneidenden Raser erinnern eher an sizilianische Fahrweise. Ebenso die vielen Kreisverkehre, die Ampeln völlig überflüssig machen. Keiner kennt die Regeln und es wird nach dem Prinzip gehandelt: Wer zuerst da ist, fährt. Irgendwie funktioniert das, man darf nur nicht hadern.
Die albanischen Straßen sind wider Erwarten ziemlich gut in Schuss. Plötzlich auftauchende Ziegen- und Schafsherden sind manchmal überraschend und werden wie in Vietnam von wettergegerbten Männern und Frauen eilig von der Straße getrieben.
Ist man in abgelegeneren Dörfern zu kleinen Kirchen unterwegs, kann die Straßenlage allerdings auch schon mal richtig abenteuerlich werden. Steigungen von gefühlt 30% bringen den Motor zum Aufheulen, lassen die Räder auf blankpoliertem Kopfsteinpflaster durchdrehen und bieten selten Wendemöglichkeiten. Unabhängigkeit von der Steigung kommen mir die holprigen Pfade über Reisfelder in den Sinn, wenn Jan in Vietnam mal wieder die Fahrradnavigation eingeschaltet hatte.
- Sozialistische Bauten sind Zeitzeugen einer Jahrzehnte andauernden Diktatur. Zu Hoxher-Zeiten wurde das eigene Volk bespitzelt, belauscht und bestraft, wenn es nicht wie gewünscht kooperierte. Wir kennen es aus der DDR. Für die Informationsbeschaffung hat die Stasi wahrscheinlich dieselbe Abhörtechnik benutzt wie die Sigurimi im Haus der Blätter.
- Beim Spaziergang durch die Innenstadt von Shkodra drängt sich der Einduck auf, in Kuba zu sein. Schöne alte, ein- oder zweistöckige, an Kolonialzeiten erinnernde Gebäude, teils aufgehübscht und farbig gestrichen, teils in bedauernswertem Zustand oder ganz verfallen
- Wundervolle alte Steinhäuser und Kopfsteinpflastergassen in Berat erinnern an die engen Gassen im marokkanischen Rabat, in denen das Handy-GPS ebenfalls keine Chance hatte.
- Ein weiterer Lausch- und Horchposten kommt uns ebenfalls bekannt vor. Im Palau Güell in Barcelona (von Antoni Gaudi) lernen wir einen geheimen Raum kennen, von dem aus die Dame des Hauses unbeobachtet den Besuch auskunschaften konnte, um gegenebenfalls ihr Garderobe noch einmal anpassen zu können. In Berat diente dieser geheime Beobachtungsposten der versprochenen Tochter, um den Zukünftigen indirekt besser kennenlernen zu können, während die Eltern ein Gespräch mit ihm führten. War er in ihren Augen kein geeigneter Kandidat, servierte die Tochter Wasser. Mokka war dagegen das Zeichen, dass auch sie in die Heirat einwilligte.
- Außerhalb der Städte begegnet man architektonischen Wunderlichkeiten wie burgartigen Wohnhäusern mit Türmen und Burgzinnen, riesigen Klötzen im Hacienda-Style oder auch einem Haus, das wie ein Schiff gestaltet ist. Hier hat sich möglicherweise ein verrenteter Schifffahrtskapitän einen Traum erfüllt. Solchen Wildwuchs haben wir auch in Vietnam bewundern dürfen. Anscheinend gibt es einen Markt dafür.
- Auf unserem Bootsausflug auf dem Komanstausee sehen wir eine spektakuläre Landschaft. Sie ist atemberaubend, aber der Canyon nicht ganz so eng wie bei unserer Fahrt auf dem Sông Nho Quế in Vietnam. Und leider ist der Stausee stellenweise genauso mit Plastik vermüllt ist wie die Halong-Buch in Vietnam.
- Die Ausgrabungsstätten wie Byllis und Apollonia sind interessant, vor allem wenn man sie sich von einem ansässigen Archäologen erklären lässt – es gibt sie aber in größer und spektakulärer in Italien, Griechenland, der Türkei und Marokko.
- Das Essen ist hier unglaublich lecker! So gesund wie im Mittelmeerraum und gesellig wie in Marokko, wo genau wie hier viele kleine Schüsseln auf den Tisch kommen, um sie in der Gemeinschaft zu teilen. Und wie in Bulgarien unterscheiden sie hier nur zwischen gelben und weißem Käse. Dass Schafskäse hier offenbar als Würzmittel gereicht wird, finde ich eigenartig. Salzen würde es doch auch tun.
- Vom Kulinarischen zum Verdauten – wie in Asien gibt es auch hier die Bum Gun (>> s. Beitrag), um sich nach getanem Geschäft zielsicher zu reinigen. Das Toilettenpapier wird nur zum Abtrocknen verwendet und gehört danach in den Eimer und nicht ins Klo, um die zu schmalen Abwasserleitungen vor Verstopfung zu schützen. Anfangs bin ich verwirrt, auf dem Herrenklo regelmäßig ein Bidet vorzufinden. Bis mir aufgeht, dass das die lokale Alternative zur Bum Gun ist.
- Apropos Verstopfung: Ebenso wie am Mittelmeer werden auch die Adria-Strände bewirtschaftet. Sie werden mit Hotels zubetoniert, sind überfüllt und derselbe Strandabschnitt wird aus mindestens drei Strandbar-Musikanlagen parallel beschallt.
- In der Natur erinnern einen der Duft von Pinien, wildem Salbei, Oregano und Thymian an die Kindheitsurlaube in Italien und Griechenland.
Bei machen Erinnerungen hat man den Duft direkt wieder in der Nase, den Geschmack auf der Zunge oder das Lächeln auf den Lippen. Bei anderen schüttelt man eher nur den Kopf, weil es einen vermeintlichen Misstand auch hier gibt. Für all diese Erinnerungen und Analogien können die Albanier nichts. Das erklärt aber, warum wir bisher noch nicht so viele Blogbeiträge geschrieben haben.
Einen Punkt kann ich den Albanern (ich gendere hier bewusst nicht!) nicht verzeihen, auch wenn es Tradition ist: Als Frau werde ich hier häufig völlig ignoriert. Es wird immer zuerst dem Mann die Hand gegeben, man(n) spricht ausschließlich nur mit dem Mann. Wenn ich mich nicht ins Gespräch einschalte, bleibt das auch so.
Auch diese Verhaltensweise kenne ich schon aus Marokko, aber dort war ich darauf vorbereitet. Spannend ist allerdings der Umstand, dass es dort umgekehrt war. Wenn Jan bei mir war, wurde mit mir gesprochen, ich wurde allerdings ignoriert, wenn ich alleine war.
Andere Länder, andere Sitten.
Euch auf eurer Reise zu begleiten, ist nicht nur spannend, sondern auch lehrreich! Herzlichen Dank!