Ehrenwort, Gastfreundschaft und Blutrache

Wir haben einander auf unserer Reise „Der zerrissene April“ von Ismail Kadare vorgelesen. Ein eigenartiges Buch, sehr atmosphärisch erzählt, das uns in die fremde Welt des albanischen Hochlands entführt hat. Thema des Buches ist der Kanun, das tief verwurzelte Gewohnheitsrecht der albanischen Stämme. Der Kanun wirkt bis heute.

Wenn ich „der Kanun“ schreibe, ist das strenggenommen falsch. Es gab und gib regionale Unterschiede und Varianten, wechselnde Geltungsbereiche und abweichende Niederschriften. Allen gemeinsam ist, dass es sich um ein ausgesprochen detailliertes, mittelalterliches (in einzelnen Aspekten vielleicht sogar noch aus vorrömischer Zeit stammendes), mündlich tradiertes, nicht-religiöses Gewohnheitsrecht handelt, dem sowohl Muslime als auch Christen folgten. Es hat lange den wechselnden Schicksalen Albaniens getrotzt, weil es bis zum kommunistischen Regime keiner Staats- oder Besatzungsmacht, nicht einmal den Osmanen, gelungen ist, in die schroffen Berge und tiefen Täler des Hochlands vorzudringen.
Zentrales Element des Kanun ist die Ehre (Nderi). Daraus leiten sich traditionelle Institutionen ab wie die Gastfreundschaft (Mikpritja), das Ehrenwort (Besa), der Familienzusammenhalt (Fis), aber auch die Blutrache (Gjakmarrja). In einer der bekannteren Niederschriften (Der Kanun von Lekë Dukagjinij) umfasst der Kanun 1262 Artikel in 12 Büchern und regelt u. a. Belange des Eigentums, der Arbeit, von Hochzeiten und Schadensersatz.
Ein Beispiel: Klopft jemand an eine Tür und erbittet, als Gast aufgenommen zu werden, steht er unter der Verantwortung und dem Schutz des Hausherrn und seiner Familie. Er wird aufs Beste versorgt und erbittert geschützt – selbst wenn er ein Feind der Familie ist, also z. B. ein Familienmitglied ermordet hat. Scheidet der Gast, wird er bis zur Dorfgrenze begleitet und dort würdig verabschiedet. Erfährt der Gast irgendeine Form von Schaden, so geht das gegen die Ehre der Gastgeber. Im Extrem kann das z. B. Folgendes bedeuten:
Wird ein Gast an der Dorfgrenze erschossen und fällt er so, dass sein Gesicht noch in Richtung des Dorfes zeigt, dann wird daraus gefolgert, dass er sich noch nicht umgewendet hatte und die Verabschiedung noch nicht abgeschlossen war. Somit gilt der Mord zugleich als Mord an der gastgebenden Familie, die dadurch verpflichtet ist, den Mörder zu stellen und zu töten – der mögliche Beginn einer Blutfehde zwischen zwei Familien.

In unserem Buch kann die Blutrache sogar soweit gehen, dass alle männlichen Mitglieder einer Sippe ausgelöscht werden. Ein Vorgehen, dass für mich nicht nachvollziehbar ist. Wenn Ehre und Familie so groß geschrieben werden, müsste die Erhaltung der eigenen Linie doch irgendwann in den Vordergrund rücken. Ist kein Mann in der Blutlinie mehr übrig, kann eine Frau als „eingeschworene Jungfrau“ den Vorstand der Familie übernehmen. Sie trägt fortan Männerkleider und muss dafür völlig auf sexuelle Beziehungen, Ehe und Kinder verzichten.

Was kann man davon heute noch spüren?

Offiziellen Angaben zu Folge flammten Blutfehden in der Zeit der Anarchie nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes in den 1990er-Jahren wieder auf. In abgelegenen Gebieten sollen sie bis heute fortgeführt werden, allerdings seien sie heute „von gewöhnlicher Kriminalität kaum zu unterscheiden“. Das ist das eine.

Aber es gibt auch die andere Seite. Während unserer Führung in Berat kommt unser Guide von sich aus auf den Kanun zu sprechen. Seiner Einschätzung nach ist das Besa, das albanische Ehrenwort, ebenso wie der letzte Wille eines Sterbenden bis heute eine feierliche Verpflichtung, die nicht gebrochen werden kann. Er erzählt von der Witwe in Berat: Sie, Mathematikerin, war mit einem Historiker verheiratet. Sein Lebenswerk war die Schaffung eines jüdischen Museums in Berat. Kurz nach der Eröffnung wurde er krank und bat sie auf dem Sterbebett, das Museum in seinem Sinne weiterzubetreiben. Seither öffnet sie Tag für Tag, Woche für Woche und Jahr für Jahr das kleine, kostenlose Museum von 9 bis 14 Uhr. Inzwischen ist sie Mitte 70.

Auch die Aufnahme und der Schutz der Juden während des zweiten Weltkriegs war Folge dieses Ehrenkodexes. Als Albanien 1943 von Deutschland besetzt wurde, weigerten sich die Albaner, Namenslisten der Juden an ihre Besatzer auszuhändigen. Im Namen von Besa und Mikpritja brachten viele nicht nur Juden bei sich unter und versteckten sie, sondern besorgten ihnen auch gefälschte Pässe. Fast alle Juden in Albanien überlebten den Krieg. Albanien war das einzige von den Deutschen besetzte Land Europas, in dem nach dem Holocaust mehr Juden lebten als zuvor.

Wir selbst erleben das im Kleinen. Als Bonnie in unserer Unterkunft in Berat fragt, ob man dort Wäsche waschen lassen kann, zögert unsere Gastgeberin kurz, dann nickt sie. Später merken wir: Es gibt gar keinen Wäscheservice. Sie hat unsere Wäsche trotzdem gewaschen – und nichts dafür verlangt.

Berglandschaft
Die albanischen Berge - die Welt des Kanun

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