Kultur und dem Tod ins Auge geblickt

Heute haben wir eine ordentliche Portion Kultur getankt und sind von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten gelaufen:

Ältestes Haus in Hanoi:
Wunderschönes, schmales, zweistöckiges Gebäude mit urgemütlich dunklen Balken, kleinen, begrünten Höfen und Terrassen und fantastischer Belüftung. Man fragt sich, warum dieses Wissen verloren gegangen ist und stattdessen so viel sozialistischer Sch… gebaut wurde.

Innenraum

Literaturtempel (Văn Miếu)
Eine ruige Insel im absoluten Verkehrschaos und Ausbildungsstätte von Generationen von Gelehrten. Schon seit Jahrhunderten wussten die Kaiser, dass ein Staat nur blühen kann, wenn man in Bildung investiert. Eine wunderbare Oase der Ruhe in dieser hektischen Stadt.

Alles rund um das Ho-Chi-Minh-Mausoleum:
Angefangen mit dem Mausoleum selbst, über das Museum bis zur Einsäulenpagode. Bis auf die Pagode alles sehr groß und auf unangenehme Art protzig kommunistisch. Viele Soldaten in weiß mit Lametta an den Schultern. Man fühlt sich sehr beobachtet. Der große Park wird mit singenden Soldaten-Videos beschallt. Man mag eigentlich nicht verweilen. Der Park ist fast menschenleer. Vermutlich weil Onkel Ho gerade in Russland von Einbalsamierern wiederhergestellt wird.
Ungefähr so stelle ich mir Nordkorea vor.

Durch das Botschaften-Viertel hoch zum Westsee, zwei kleine Pagoden ansehen (Chùa Thần Quang und Chùa Trấn Quốc). Die zweite ist die älteste Pagode Hanois, trotz einbrechender Dunkelheit überraschenderweise nicht bunt angeleuchtet und ausgesprochen hübsch.

Wasserpuppen-Theater: Typische vietnamesisches Kulturgut. Ähnlich wie im Marionettentheater bewegen unsichtbare Spieler die Puppen aus der „Ferne“. Nur sind es hier keine Fäden, sondern unter dem Wasser verborgene Stangen, mit denen die Figuren geführt werden. Begleitet wird die Szene von einer 10-köpfigen Musiktruppe mit vielen uns unbekannten Instrumenten.

Nachtmarkt: Abgesperrte Altstadt mit aufgebauten Ständen, die chinesisches Plastikzeug verkaufen. Viele Stände, aber eher nichts Spannendes.

Highlight des Tages sind allerdings unsere beiden Xe-Om-Fahrten. Man kennt das eigentlich nur von Fotos, wenn mehr als zwei Leute auf einem Moped unterwegs sind. Wir sind das heute auch.
Nach harten Verhandlungen, weil die beiden ersten Fahrer mehr als den dreifachen Preis von uns wollen, finden wir einen älteren Herren, der uns beide auf seinem Moped mitnimmt. Da der Tag ziemlich warm ist und Jans Nase nicht ganz so empfindlich ist wie meine, darf er direkt hinter dem Fahrer sitzen. Damit ich auch noch hinten drauf passe, nehme ich auch noch Jans Rucksack über meinen und schwinge mich hinter ihn auf den Sitz. Wo ich meine Beine lasse, weiß ich eigentlich nicht so genau. Wir sind ziemlich sicher unterwegs, denn wir haben jeder eine Nussschale von Helm bekommen und meiner schlackert auch nur unwesentlich auf meinem Kopf. Und los geht’s.
Einen Moment lang blicke ich über Jans linke Schulter ins absolute Verkehrschaos – wir bewegen uns komplett im Gegenverkehr – und entscheide mich dafür, einfach nicht weiter hinzugucken. Danach geht es mir besser.
Unter wildem Gehupe bahnt sich unserer Fahrer mit sicherem Gespür für die nächste Lücke seinen Weg. Mit absolutem Gott-Vertrauen fühle ich mich als Beifahrer eigentlich recht sicher, wer hätte das gedacht. Es wackelt nichts, es wird nicht hart gebremst, die Fahrt ist ein angenehmer, gleitender Fluss… wenn man mal von der Geräuschkulisse absieht.
Es ist zu schade, dass ich keine Hand frei habe, um unser Spiegelbild in einer Schaufensterscheibe zu fotografieren, aber ich entscheide mich dann doch lieber fürs Festhalten an meinen beiden Vordermännern.

Mopeds überall, auch auf dem Geweg

Erkenntnisse des Tages:

  • Moped-Fahrer in Hanoi bekommen als allererstes beigebracht, wie man ganz langsam fährt, ohne anzuhalten oder die Füße abzusetzen. Das spricht für ein unglaubliches Gleichgewicht und hilft, beim sich in den Gegenverkehr einzufädeln.
  • Man sollte sich möglichst alte Fahrer suchen. Denn wer in Hanoi auf dem Moped ein hohes Alter erreicht, hat entweder großes fahrerisches Geschickt, einen Schutzengel oder die Glückslotterie gehackt. In jedem Fall besteht eine gute Chance, mit ihm wohlbehalten anzukommen.
  • Mopedfahrer in Hanoi zeichnen sich nicht eben durch Geduld aus. Sie nutzen jede Lücke im Verkehr und wenn die Straße nicht reicht, sind auch Rabatten und Gehwege eine passable Möglichkeit, ein paar Sekunden rauszuholen.

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Kat

    Abenteuer, gut und schön… ich fände es trotzdem ziemlich grandios, wenn ihr zurückkommt. Möglichst vollständig, wenn´s nicht zu viele Umstände macht.
    Es gibt übrigens auch harmlose Zeitvertreibe, wie Hai-Tauchen oder Hochseil-Artistik. Nur so als Idee…

  2. Papa Micha

    Toll, dass ihr uns – die wir in der fast kalten Bude sitzen – mit in eure derzeitigen wärmeren Gefilde nehmt und an euren Erlebnissen teilhaben lasst :-). Die leckeren Speisen regen sogar zur eigenen Produktion an, Merli macht gerade Sommerrollen!!! Und das Verkehrsvideo hat sofort mein Herz erwärmt, wie schön, ich fühlte mich sofort auf die Philippinen versetzt, herrlich :-))).

    Wir wünsche euch weiter soooooo viel Spaß!!!

  3. Charlotte

    Habt ihr Mal gegoogelt, was xe om heißt? Im Senegal hießen die Busse “ senfoulamort“, ich hab leider erst zu spät geschnallt, dass das Französisch für „der tot ist uns egal“ war!

    Die Reise klingt wirklich toll und die Bilder sehen sooo schön aus! Aber natürlich nichts im Vergleich zum kalten, grauen Berliner November… Dennoch ganz viel Spaß euch noch!

    1. Jan

      😂 Nee. Aber falls es französischen Ursprungs ist – was hier in Indochina nahe läge – kannst du uns ja vielleicht auf die Sprünge helfen.

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