Erkenntnisse zu Vietnam

Da wir Vietnam heute verlassen haben, tragen wir noch einmal all die kleinen Erkenntnisse zusammen, die uns erwähnenswert und merkwürdig erscheinen, die aber noch keinen Platz in unseren bisherigen Beiträgen gefunden haben.

  • Die Menschen hier bewegen sich oft deutlich jünger, als ihre Gesichter aussehen.
    Prognose: Hunderjährige können immer noch in der Hocke sitzen, mit beiden Fersen an der Erde und locker wieder aufstehen, ohne sich abzustützen.
  • Hier macht man Sport, indem man zügig geht und mit den Armen rudert. Dabei trägt man Sportklamotten, aber eher Schläppchen statt Turnschuhe.
  • Alles kann ein Restaurant sein, egal in welcher Nische: Für zwei Plastikhocker ist immer Platz. Manchmal ist schwer zu unterscheiden, ob sich nur zwei Freunde zusammen gefunden haben, die auf der Straße picknicken oder ob es sich hier um ein Restaurant oder einen Getränkeausschank handelt.
  • Alles kann ein Shop sein: Ein umgedrehter Regenschirm, ein Schulterjoch, ein Moped-Sitz, zwei nebeneinander stehende Fahrräder: Brett drüber, Ladenfläche fertig.
Shop im Schirm
Shop auf der Schulter
  • Es ist schwierig, Shops von Gassen zu unterscheiden. Manchmal hält man etwas für einen Shop und plötzlich kommt einem ein Moped entgegengeschossen.
  • Nachts werden die meisten Shops/Restaurants/Wohnzimmer auch zu Roller-Garagen.
  • Vietnamesische Kinder weinen nicht. Zumindest extrem selten.
  • Alle Vietnamesen lieben alle Kinder. Kinder werden angefasst und abgeknutscht, auch gerne von Fremden/Nichtfamilienmitgliedern.
  • Die Häuser – vor allem im Norden Vietnams – sind sehr schmal, aber oft sehr tief und sehr hoch. Selbst dann, wenn dafür keine offensichtliche Notwendigkeit besteht. Das liegt daran, dass Häuser in der Vergangenheit nach der Breite ihrer Front besteuert wurden. Wenn Häuser dabei allein auf weiter Flur stehen, besteht trotzdem keine Notwendigkeit, die ziemlich breiten, fensterlosen Seitenwände in irgendeiner Form zu gestalten.
  • Es gibt hier runde Schilfboote. Das macht sie nicht besonders schnittig, aber sie verhaken sich nicht im Schilf oder Bambus. Der Legende nach spielen aber auch hier Steuern eine Rolle. Einst soll ein König Fischerboote mit Steuern belegt haben. Daraufhin baute ein Fischer ein rundes Boot und argumentierte erfolgreich, das sei offensichtlich kein Boot, sondern ein großer Korb.
  • „Überladen'“ ist im Zusammenhang mit Booten ein Konzept, dass Vietnamesen eher fremd ist. Was wir für Seenot hielten, war ein normales Anlegemanöver.
  • Boote haben hier Augen. Damit verschrecken sie unter der Wasseroberfläche lauernde Ungeheuer.
  • Auch manche Häuser haben Augen. Vor allem traditionelle chinesische Häuser. Die Funktion ist ähnlich: Sie geben der Seele des Hauses Ausdruck und helfen, Geister und Dämonen vom Haus fernzuhalten, um die Bewohner vor Bösem zu beschützen.
  • Vietnamesen lieben Musik. Dabei ist vor allem wichtig, dass sie lauter ist, als die Boxen verkraften. Wenn Musik nicht übersteuert ist, ist sie nicht laut genug und es läuft mindestens noch eine zweite in unmittelbarer Nähe parallel.
  • Vietnamesen lieben Karaoke. Diese Vernarrtheit wurde uns damit erklärt, dass Karaoke der einzige Weg sei, in einer sehr traditionellen Gesellschaft mal so richtig die Sau rauszulassen.
    Gut oder richtig singen spielt dabei keine Rolle. Hauptsache laut (s. o.).
    Dazu treffen sich auf Dörfern Freunde und singen vor den heimischen Flatscreens mit extra dafür vorgesehenen Hall-Mikrophonen. Aber es hindert einen auch nichts daran, das heimische Garagenlokal allein zu beschallen und die Nachbarschaft im Umkreis von 4 km gleich mit.
  • Überlandbusse sind super. Allerdings scheint die Personenbeförderung hier eher das Nebengeschäft zu sein. Dass wir Rucksäcke im Gepäckfach unterbringen wollten, schien eher unwillkommen und die hintere Hälfte der Sitzreihen ist ebenfalls mit Kisten und Paketen vollgestapelt.
  • Bei Taxis und Kleinbussen ist oft die gesamte Inneneinrichtung mit Plastikfolie überzogen. Das macht es abwischbar. Und scheint eine Vorschrift der Tourismusbehörde zu sein, wie uns einer der Guides auf unsere Nachfrage erzählte.
  • Vietnamesen lieben Hunde. Im Norden Vietnams vor allem (hellbraune) Pudel. Im Süden gibt es viele übergewichtige Hunde, die gerne aussehen wie aufgepuffte Wattebäusche. Auf Booten und anderen schwimmenden Konstruktionen leben vor allem Schäferhunde (mindestens zwei auf einer schwimmenden Fischfarm).
    Etwa 5 % aller Hunde haben einen ziemlich lustig aussehenden Unterbiss.
  • Es gibt viele Hunde, niemanden, der die Kacke einsammelt und doch kaum Hundescheiße auf der Straße. Ein Rätsel, das wir nicht ergründen konnten.
  • Hunde werden nie angeleint und bewegen sich extrem entspannt im dichtesten Verkehr. Gerne bleiben sie einfach auf der Straße sitzen und lassen den Verkehr entspannt an sich vorbeiziehen.
  • Es gibt nichts, das man mit einem Moped nicht transportieren kann. 
  • Die wichtigste Verkehrsregel: Kümmere dich nicht um den rückwärtigen Verkehr. Der wird sich schon arrangieren.
    Man braucht ohnehin alle Konzentration nach vorn.
  • Bei Ampeln gilt: grün => du kannst fahren, gelb => du kannst immernoch fahren, rot => fahr schneller!
    Es gibt hier eigentlich keine Gelbphase, nur indirekt. An den meisten Ampeln sind Countdowns angebracht, die von 45 rückwärtszählen. Sowohl bei grün, als auch bei rot. 10 Sekunden, bevor von rot auf grün geschaltet wird, werden alle unruhig, fahren schon mal ein Stück nach vorne, schieben sich an anderen vorbei und spätestens bei 3 Sek vor grün wird Gas gegeben. Die letzten 10 Sekunden bei rot entsprechen also irgendwie unserer Gelbphase.
  • Man fährt rechts. Meistens. Man überholt links. Meistens.
  • Wie viele Spuren eine Straße hat, ergibt sich spontan. Auch wie viele Rollerspuren eine Spur hat. Gerne mal 2-5. Wobei nicht alle unbedingt in eine Richtung gehen.
  • Die ganz rechte Spur bleibt meistens folgenden Verkehrsteilnehmern vorbehalten: Rechtsabbiegern, Verkaufsständen und Gegenverkehr.
    Gerne wird in einem Affenzahn – ohne zu gucken – rechts abgebogen, denn wenn man schnell genug ist, ist der von der Seite kommende Verkehr ja wieder rückwärtiger Verkehr und um den kümmert man sich ja nicht (s.o.).
  • Hupen ist kein Gefahrensignal und keine Beschimpfung, sondern eher eine Art Positionsmeldung: Hallo, hier bin ich. Achte darauf, wenn du ein überraschendes Verkehrsmanöver planst.
    LKW und Busse haben hier ein viel „netteres“ Hupsignal als bei uns. Es ist allerdings trotzdem so laut, dass man vor Schreck fast vom Roller fällt.
  • Wie kommt man als Fußgänger durch dieses Verkehrsgewusel, das niemals abreißt? Man geht einfach auf die Straße, hält nicht an, egal was kommt, bewegt sich gemächlich, aber stetig voran, sodass sich alle Verkehrsteilnehmer auf die Geschwindigkeit des Verkehrshindernisses einstellen und berechnen können, ob sie noch vor oder schon hinter einem vorbeifahren.
    Als Fußgänger am besten einfach nicht hinsehen.
  • Überall gibt es mindestens einen Hahn. Auch im Tempel und am Grenzposten.
  • Überall wird Reis getrocknet, auch auf der Straße und in Baustellen.
  • Märkte finden hier sehr früh statt. Vermutlich um verderbliche Waren wie Fisch und Fleisch vor den höchsten Temperaturen zu schützen. Morgens um 5 sind Märkte bereits aktiv, gegen Mittag überwiegend ausgestorben.
  • Märkte sind häufig unterteilt in einen Non-Food-Bereich (Klamotten, Haushaltswaren, Tinnef, Zeug), eine „Dry Section“ (Obst, Gemüse …) und eine „Wet Section“ (Fisch, Fleisch …).
  • Ware in der Wet Section verliert die Hälfte ihres Wertes, wenn sie tot ist. Deshalb werden die Frösche vermutlich auch nur K.O. gehauen, bevor man ihnen die Haut abzieht, und nicht getötet.
    Fische werden in größeren Mengen in Plastikschüsseln mit ca. 1 cm Wasser gesetzt, in denen sie anscheinend noch überleben können und vor sich hin „schwimmen“. Erstaunlich. Wir haben auch den Fluchtversuch eines großen Welses beobachtet. Einfangen war nicht so einfach, nachdem er sich einmal aus der Schüssel katapultiert hatte.
Reis auf dem Kirchhof
  • Neben den frühen Märken gibt auch Night Markets. Da wird chinesischer Plastikschrott an Touristen verkauft. Vor allem gibt es an jedem Stand denselben Plastikschrott – als ob er von Mal zu Mal schöner werden würde. Und es gibt Stände mit leckerem Essen, die ständig ihre Positionen wechseln. Die Vorteile dieses lustigen Schiebespiels konnten wir auch nicht ergründen, denn nachdem sich alle irgendwie einmal umeinander 50 Meter weiter nach links oder rechts bewegt haben, stehen sie eigentlich genau wie vorher wieder da. Auch hier stehen immer die Stände zusammen, die nahezu das identische Angebot haben. Für uns sehr schwer die Vorteile davon zu begreifen.
  • Statuen anfertigen ist hier ein echtes Business. Es gibt meist mehrere Statuenverkäufer in jedem Dorf. Und wenn man mal eben eine 10 Tonnen schwere Statue braucht, kann man sie auch schnell noch an der roten Ampfel kaufen. Da gibt es immer jemanden unter einem kleinen Sonnenschirm auf nem Plastikstuhl, der die Bestellung der ausgestellten Ware entgegennimmt.
  • Es gibt kaum ein Haus ohne irgendwelche Statuen. Häufig Nghês, Löwen oder Schäferhunde.
  • Elektriker zählt hier zu den kreativen Berufen.
  • Flipflops genügen als Sicherheitsschuhe.
  • Schlafanzüge kann man auch draußen tragen.

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