Wir machen gerade ein paar Tage Pause am Strand. Das trifft sich ganz gut, denn ich habe mir voraussichtlich einen Harnwegsinfekt eingefangen. Hier kann ich mich schonen. Wobei es schon ein wenig Folter ist, das glasklare Wasser zu sehen und da nicht ausgiebig dring herumzuplantschen. Gott-sei-Dank gibt es die Riesenpackung Antibiotika im kleinen Supermarkt der Insel für 1,50 $ und es geht dem Patienten nach eineinhalb Tage der Einnahme schon wieder etwas besser.
Unsere Beiträge sind also aktuell etwas seltener, was zum einen der Pause geschuldet ist, zum anderen, der Internetverbindung, die nicht mehr als ein seidener Faden ist. Ich bin gespannt, wie wir die Weiterreise organisiert kriegen, wenn ich etwa eine Stunde gebraucht habe, eine Mail zu verschicken.
Dieser Beitrag wird entsprechend eher keine Bilder haben.
An zwei Dingen kommt man nicht vorbei, wenn man durch Kambodscha reist. Angkor Wat und der Schreckensherrschaft der Roten Khmer. Da letzteres bei uns normalerweise kein Schulstoff oder Material für einen Klönabend ist, fasse ich das mal (sicher unzureichend und nicht vollständig korrekt) zusammen.
Die Wirren des zweiten Weltkriegs hatten auch in Kambodscha Auswirkungen. Auseinandersetzungen mit Thailand, Besetzung durch Japan, die Loslösung von Frankreich, sowie das Schwanken zwischen königlicher Macht und Demokratie ließen Kambodscha in den 50er- und 60er-Jahren gebeutelt zurück. Es gab viele widerstrebende und überschneidende Fraktionen. Dann kamen die Amerikaner mit ihrem „Geheimen Krieg“, der die Nachschubwege des Viet Congs während des Vietnamkriegs abschneiden sollte und mehr Bomben auf Kambodscha und Laos fallen ließ, als über Deutschland abgeworfen worden waren. All das hatte dem Kommunismus viel Sympathie, vor allem in der völlig verarmten Landbevölkerung eingebracht. Als dann das Militär gegen den schwächelnden König putschte und eine relativ faschistische Regierung einrichtete, begann endgültig ein Bürgerkrieg. Am Ende setzte sich wohl die denkbar radikalste kommunistische Fraktion durch, die man sich denken kann: Die Roten Khmer.
Am 17. April 1975 nahmen die Roten Khmer Bangkok ein, die Stunde null eines bestialischen Terrorregimes, der insgesamt 3 von 8 Millionen Kambodschanern zum Opfer fielen. In weniger als vier Jahren. Allein in den ersten drei Tagen entvölkerten sie alle Städte, trieben die Stadtbewohner in Gewalt- und Hungermärschen in abgelegene Provinzen, wo sie zu bäuerlicher Sklavenarbeit abkommandiert wurden.
Die Ziele der Roten Khmer unter Pol Pot: Rückkehr zum Leben der „alten Menschen“, sprich: Bauern. „Neue Menschen“ (zunächst Städter und Akademiker, später genügte eine Brille oder rudimentäre Fremdsprachenkenntnisse) waren binnen kürzester Zeit zu Bauern zu machen und darüber hinaus unter Generalverdacht. Jeder, der sich kritisch äußerte, landete in Foltergefängnissen, in denen Geständnisse erwirkt wurden, die mit dem Tod bestraft wurden. Dabei wurden die Abgeurteilten nicht etwa standrechtlich erschossen, denn Munition war zu teuer, sondern mit dem erschlagen, was so da war: Spitzhacken, Eisenstangen, Bambusstäbe.
Dass das Regimen nicht lange durchhalten würde, ist im Rückblick offensichtlich: Wer jeden Fortschritt verweigert, wird von der Bildfläche verschwinden. Außerdem frisst sich diese Art von Regime selbst auf, denn wenn man immer die Kritischsten, die Gebildetsten und die Intelligentesten tötet, ist jeder irgendwann dran. So war es auch. Irgendwann landeten auch Mitglieder der Roten Khmer (aus der Führungsriege) in den Foltergefängnissen. Und den Vietnamesen fiel es am Ende 1979, nachdem sie die Amerikaner losgeworden waren, nicht schwer, dem Spuk ein Ende zu setzen.
Interessant ist daran noch zweierlei: Pol Pot und seine Roten Khmer hatten noch bis in die 90er hinein einen Sitz bei den vereinten Nationen. Grund dafür war eine Kalter-Krieg-Logik, die das Eingreifen der kommunistischen Vietnamesen aus Prinzip nicht gutheißen konnte.
Ein zweiter Punkt ist, dass die Schulbildung in Kambodscha nicht besonders gut ist und daher wohl ein weiter Teil der Bevölkerung davon ausgeht, dass der größte Teil der Toten auf das Konto der Vietnamesen geht.
Aber die Geschichte wird – in relativ brutaler Offenheit, wie ich finde – aufgearbeitet. So kann man in Phnom Penh zum Beispiel das Foltergefängnis S21 besuchen. Und nur eine halbe Stunde mit dem Tuk-Tuk entfernt, dienen die Killing Fields von Choeung Ek als Mahnmal.
Ich kann und will nicht ausführlich darüber schreiben, was wir dort gesehen und erfahren haben. Ich denke, es genügt, beispielhaft zwei Punkte herauszugreifen:
- In S21 war eine wichtige Aufgabe der Wärter, die Häftlinge vom Selbstmord abzuhalten. Einigen wenigen gelang es trotzdem: Einem gelang ein Sprung von einer erhöhten Galerie, einer schüttete sich das Kerosin der Lampe seines Wärters über den Kopf und zündete sich an, einer rammte sich den Stift, mit dem er sein Geständnis unterschreiben sollte, in den Hals. Alles, um die Folter zu beenden, Und einige hielten die täglich bis zu 3 Mal durchgeführten Folterungen bis zu 3 Jahre durch.
- Als die Killing Fields von Choeung Ek entdeckt wurden, fand man einen Baum, an dem Haare, Blut und Hirnmasse klebten. Nachforschungen ergaben, dass die Roten Khmer hier die Babys getötet hatten. Sie packten die Babys am den Beinen und schmetterten ihre Köpfe gegen den „Killing Tree“.
Warum Babys ermordet wurden? Wenn jemand ein Geständnis unterschrieben hatte und hingerichtet wurde, wurde auch seine ganze Familie hingerichtet. Es sollte niemand übrig bleiben, der Rachegefühle haben könnte.
Das kann man sich alles anschauen. Das alte Schulhaus, indem S21 untergebracht war. Die Killing Fields, die heute ein geradezu idyllischer Ort sind, mit einer Stupa, die die 9000 bisher gefundenen Schädel beherbergt. Die Audio Guides sind sehr gut und sehr detailliert. Es gibt Triggerwarnungen (damit man innerlich vorbereitet ist, dass einen jetzt etwas ganz besonders Schreckliches erwartet und man die Audioaufnahmen lieber im Freien hört, als in den Folterräumen) und Hintergrundinformationen. Und irgendwie gelingt es einem, das Ganze zu abstrahieren und von sich fern zu halten.
Und dann wird uns klar, dass sich unser Tuk-Tuk-Fahrer vom Alter her an diese Zeit erinnern müsste und fragen nach. Und in bruchstückhaftem Englisch stellt sich heraus: Natürlich erinnert er sich. An die Schreie aus dem Nachbarhaus, das zu einem Foltergefängnis umfunktioniert wurde. An den Tod seines Vaters. An den Tod seiner Mutter. An den Tod eines Bruders, einer Schwester, eines Onkels.
Und plötzlich ist das Ganze auf erschreckende Weise unmittelbar.
Und wenn ich mich im Museum trotz der vielen Fotografien der Betroffenen noch zurückhalten kann, bricht dieses „Einzelschicksal“ ohne Vorwarnung durch meine Schutzwand und zerreißt mich. Wie kann ein Mensch nach so etwas weiterleben und jeden Tag fröhlich und freundlich beginnen. Es ist mir unbegreiflich.
Ich bin schwer beeindruckt davon, dass Ihr Euch dem Grauen, das Orte (wie etwa S21), Bilder, Fotografien und Begegnungen wie die mit Eurem Tuk-Tuk. Fahrer vermitteln, aussetzt, dem nicht aus dem Wege geht und es nicht nur bei den Strandfreuden bewenden lasst.
Dir, Jan, wünschen wir baldige Genesung. Liebe Grüße an Euch beide!
Lieber Jan, sorry für meinen letzten lockeren Kommentar. Da kannte ich noch nicht diesen Bericht. Merli und ich wünschen dir von Herzen gute Besserung und dass es nicht so schlimm wie 2019 ist/wird. Alles, alles Gute!!!
Ja Bonnie, das ist kaum vorstellbar, nach diesem Leid und Verlusten, zumindest nach Außen hin, lächeln zu können. Ich wünsche mir, dass die Betroffenen in der Ukraine, die ähnliches erfahren mussten und müssen, dazu auch in der Lage sein werden. Es ist für mich immer wieder unfassbar, wozu „Menschen“ in der Lage sind…..und das auch in unserem Jahrhundert.
Alles gut. 🙂 Ein Hoch auf Antibiotika und hoffen wir das Beste. Aktuell geht es mir aber recht gut. 😘