Nein, ich rede nicht von Außerirdischen, sondern wie Jan bereits im letzten Beitrag angeteasert hat, von der Ethnie der Katu. Wenn man denn überhaupt von DER Ethnie sprechen kann.
Die Laotische Regierung hat die ehemals weit über Hundert im Land lebenden Ethnien oder auch Minderheiten, immer wieder in Komprimierungsaktionen zu größeren Gruppen zusammengeschlossen, die ihrer Meinung nach zusammengefasst werden konnten. So blieben über mehrere Iterationen nur noch drei Gruppen übrig: die „Berg“-Leute, die „Hügel“-Leute und die „Tal“-Leute.
Dass sich nicht alle so gut über einen Kamm scheren lassen, dürfen wir beim Besuch des Dorfes von „Mr. Hook“ kennenlernen. Er erzählt uns, dass sie sich vorher zusammen mit einer anderen Katu-Gruppe das Dorf geteilt haben. Aber durch unüberwindbare Hindernisse im Glauben der jeweils anderen Gruppe, kam es immer wieder zu Konflikten, sodass sich die eine Gruppe dazu entschlossen hat, wegzuziehen und ein paar Kilometer weiter ein neues Dorf zu errichten. Jetzt gibt es das Dorf Nord und das Dorf Süd und jeder kann nach seinen eigenen Gepflogenheiten in Frieden leben.
Einen Eklat hatte Mr. Hook mit seinen Kumpels (damals im Kindesalter) selbst ausgelöst. Sie hatten ein entlaufenes Tier verfolgt und es schließlich vom Dach des „heiligen Hauses“ der anderen Gruppe geborgen. Dabei waren ihnen nicht klar, dass sie das Heiligtum entweiht hatten. Es musste ein Wasserbüffel und eine Kuh geopfert werden, um Dinge wieder ins Lot zu bringen.
Man würde denken, dass eine religöse Gruppe, die denselben Göttern huldigt, sich verstehen müsste. Aber auch unsere Geschichte hat gezeigt, dass das nicht immer friedlich zugeht, wenn man nicht mit offenem Herzen und „open minded“ seinen Mitmenschen gegenüber tritt.
Dieser offene Geist und das offene Herz wird auch von uns verlangt, als wir während des Dorfbesuches immer mehr von den Regeln und Bräuchen der hiesigen Katu erfahren.
Die Katu sind sehr Natur verbunden und Animisten. Sie glauben, dass alles beseelt ist: Bäume, Häuser, Tiere, Menschen etc. Sie huldigen insgesamt 15 Gottheiten, für die heilige Schreine im Wald errichtet werden. Das Erbauen der Schreine und auch das Opfern der Tiere für die Gottheiten bleibt den Männern des Dorfes überlassen. Sie leben in Familienverbünden von 20-30 Familienmitgliedern in einem gemeinsamen Holzhaus.
Generell ist vieles sehr anders, als wie das aus unserer nahezu gleichberechtigten westlichen Welt kennen. Wenn wir Frauen uns aktuell darüber empören, dass die Sprache noch nicht gleichberechtigt angeglichen ist und wir uns häufig unter der männlichen Form im Alltag sprachlich eingemeindet finden müssen, wird die Frau bei den Katu ganz anders eingemeindet.
Mit ca. 6-8 Jahren werden Mädchen und Jungen von den Familien einander versprochen. Geheiratet wird dann ein paar Jahre später. Beide haben kein Mitspracherecht, wer ausgewählt wird. Die Auswahl treffen die Eltern. Die Jungen/jungen Männer dürfen ablehnen, das Mädchen/die junge Frau nicht. Aber auch die Ablehnung durch die Männer ist nahe am Tabubruch. Als Mr. Hook das zum dritten Mal versucht hat (Er hatte den Traum zu studieren, was nicht möglich wäre, wenn er eine Familie zu versorgen hätte, und hatte deshalb die ersten beiden Bräute an Cousins vermittelt.) erklärte ihm sein Vater, dass er nicht mehr sein Sohn sei, wenn er die dritte Braut ebenfalls ablehnt.
Das Mädchen zieht sofort zur Familie des „Mannes“, damit sie frühzeitig die Riten und Bräuche dieser Familie kennenlernt und lernt sich in die Familiengemeinschaft einzufügen.
Häufig, muss sich da nicht allerdings viel umgewöhnt werden, weil sowieso nur Cousins und Cousinen miteinander verheiratet werden. (Laut Mr. Hook gibt es in seinem Dorf keine inzestösen Folgen. Jan und ich sind uns da mit Blick auf einige der Gesichter nicht so ganz sicher).
Da bei den Katu die Viel-Ehe gebräuchlich ist und ein Mann 4-6 Frauen heiraten kann (was in der jüngeren Generation allerdings kaum noch praktiziert wird), scheint es einen Mangel an Frauen zu geben. Nur so lässt sich aus unserer Sicht erklären, warum die Mädchen/Frauen von der Bräutigamsfamilie gekauft werden. (In anderen Religionen muss die Braut die Aussteuer mitbringen und der Brautvater für die Hochzeit tief in die Tasche greifen.)
Der Brautpreis kann hier schon mal bis zu 20 Wasserbüffel kosten, wenn die Holde ganz besondere Qualitäten hat.
Hübsch muss sie sein, werdet ihr sagen. Nein, das ist nicht das ausschlaggebende Kritierium, das eine Katu-Frau in die Ehe einbringen sollte. Wichtig sind:
- Handarbeitsfähigkeiten (Weben, Körbe Flechten …)
- Kenntnisse im Fallenstellen
- Kochkunst
- Fleiß
- und natürlich Gebährfähigkeit.
Mit 14 bekommt die verheiratete Frau hier normalerweise das erste von vier bis fünf Kindern.
Entbunden wird in der Regel außerhalb des Dorfes, irgendwo in der Wilnis (ich glaube, in einer dafür gebauten Geburtshütte) (oder im Krankenhaus, wenn man modern eingestellt ist). Dabei hilft eine Hebamme oder eine weibliche Verwandte. Männer wohnen der Geburt nicht bei.
Die Geburtsstätte muss außerhalb des Dorfes liegen, da das Kind von einem Dämon oder bösen Geist besessen sein könnte und auf diese Weise die restlichen Dorfbewohner nicht gefährdet werden.
Nach drei Tagen darf die Frau wieder ins Dorf kommen, aber nur, wenn sie mit dem Kind das Feuer-Ritual überstanden hat. Dazu muss sie einen brennenden Graben mit Kind durchschreiten – übrigens auch, wenn sie das Kind im Krankenhaus entbunden hat. Wenn du jetzt denkst, es wäre geschafft und sie dürfte sich zu Hause ins Bett legen. Nix da! Bevor sie in ihr Haus darf, muss sie der Hausgemeinschaft erst mitteilen, ob ihr Kind gut oder böse ist. Falls das Kind böse sein sollte, wird es aus dem Dorf verbannt. Bisher hat allerdings noch keine Mutter in der Historie des Dorfes ein böses Kind bekommen, sagt Mr. Hook.
Wir lernen bei unserem Besuch auch sehr viel über Heilkräuter und spezielle Kaffeesorten, die bereits Wege in unsere Pharmaindustrie gefunden haben und in diesem kleinen Katu-Dorf dafür angebaut werden. Wir sind begeistert von den fantastischen Englischkenntnissen unseres Guides und seinen modernen Gedanken. Man merkt aber auch, dass er mit seinen Ideen im Dorf ein Vorreiter ist. Als ich ihn frage, wie es die älteren Einwohner finden, dass wir als Touristen hier sind, sagt er: „Es ist schwer. Die jüngeren sind da offener.“
Das ist auch mein Gefühl, denn die jungeren Menschen im Dorf winken uns zu, es fehlt aber nicht viel und eine ältere Frau hätte vor Ekel vor mir ausgespuckt. Und das, obwohl ich mit langer Hose und geschlossenem T-Shirt absolut züchtig angezogen war.
Aber nicht nur den älteren Frauen des Dorfes fällt es schwer, ihr Wertesystem zu öffnen. Auch einige der weiblichen Mitglieder unserer Besuchergruppe sind nicht in der Lage den Werten anderer den gleichen Stellenwert einzuräumen wie ihren eigenen. Sie sind nahezu außer sich, als Mr. Hook erwähnt, dass ein 6-jähriges Mädchen auch mit einem 30-jährigen Mann oder eine 20-Jährige mit einem 70-Jährigen verheiratet werden kann.
Und natürlich teilen sie das Bett, sie sind ja schließlich verheiratet und das wurde mit einer Menge Wasserbüffel als Brautpreis besiegelt. Wobei Mr. Hook auch sagte, dass es erst zum Sex kommt, wenn das Mädchen geschlechtsreif wird.
Der Ton der Fragestellungen wird rüder und man merkt, dass die westlichen Damen schwer an sich halten können, ob dieser offensichtlichen Ungerechtigkeit. Aber Mr. Hook bleibt bei seinen Antworten sehr neutral und versucht die Katu-Sichtweise der Dinge verständlich zu machen. Er hat wahrscheinlich schon jede Art von Konfrontation erlebt und macht das super-professionell. Ich habe großen Respekt vor diesem Mann, der sich so viel selbst beigebracht hat, bereitwillig über alles Auskunft gibt und angesichts von Anfeindungen völlig gelassen bleibt.
Jan und ich wären gerne Mäuschen und würden die Auseinandersetzungen innerhalb des Dorfes gerne mitbekommen. Die Konflikte die Jung und Alt miteinander austragen – zwischen Moderne und Tradition hin- und hergerissen.
Auf der einen Seite ist es schade, dass die alten Bräuche der Ethnien verschwinden, auf der anderen Seite wahrscheinlich auf Dauer unvermeidbar.
Der Besuch in diesem Katu-Dorf hat uns beide ungemein fasziniert. Wir haben so viel erfahren und gelernt, mehr als ich hier wiedergeben kann. Auf alle Fälle beschäftigt uns das Erfahrene bis jetzt in unseren Gesprächen. Was ist richtig, was ist falsch – gibt es das überhaupt?!
Wie wäre es wohl gewesen, wenn wir dort aufgewachsen wären. Was würden wir heute glauben und was nicht?!
Was wäre, wenn die Katu zu uns kommen und uns in unserer westlichen Welt beobachten würden? Mit welchem Selbstverständnis würden sie vor uns stehen und uns erzählen, dass das, was wir machen, verkehrt ist?
Interessant, den Bericht über die Katu zu lesen. Ich finde es gut, daß Ihr bei Eurer Reisegestaltung auch Informationen über die Lebensweise dieser laotischen Bevölkerung bekommt. Eine vergleichende Untersuchung zwischen deren und unserer Lebensweise wäre aus meiner Sicht eine sehr anspruchsvolle Aufgabe.