{"id":826,"date":"2022-12-05T12:24:26","date_gmt":"2022-12-05T11:24:26","guid":{"rendered":"https:\/\/txv7lgzggugnfd9j.myfritz.net:8081\/WordPress\/?p=826"},"modified":"2022-12-05T12:32:43","modified_gmt":"2022-12-05T11:32:43","slug":"die-herrschaft-der-roten-khmer-triggerwarnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bonniesiebke.de\/blog\/die-herrschaft-der-roten-khmer-triggerwarnung\/","title":{"rendered":"Die Herrschaft der Roten Khmer (Triggerwarnung)"},"content":{"rendered":"\t\t<div data-elementor-type=\"wp-post\" data-elementor-id=\"826\" class=\"elementor elementor-826\">\n\t\t\t\t\t\t<section class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-357d67c elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"357d67c\" data-element_type=\"section\" data-e-type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-99d3b8f\" data-id=\"99d3b8f\" data-element_type=\"column\" data-e-type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-c71cfb9 elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"c71cfb9\" data-element_type=\"widget\" data-e-type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<p>Wir machen gerade ein paar Tage Pause am Strand. Das trifft sich ganz gut, denn ich habe mir voraussichtlich einen Harnwegsinfekt eingefangen. Hier kann ich mich schonen. Wobei es schon ein wenig Folter ist, das glasklare Wasser zu sehen und da nicht ausgiebig dring herumzuplantschen. <span style=\"color: #04a7b8;\">Gott-sei-Dank gibt es die Riesenpackung Antibiotika im kleinen Supermarkt der Insel f\u00fcr 1,50 $ und es geht dem Patienten nach eineinhalb Tage der Einnahme schon wieder etwas besser.<\/span><\/p><p>Unsere Beitr\u00e4ge sind also aktuell etwas seltener, was zum einen der Pause geschuldet ist, zum anderen, der Internetverbindung, die nicht mehr als ein seidener Faden ist. Ich bin gespannt, wie wir die Weiterreise organisiert kriegen, wenn ich etwa eine Stunde gebraucht habe, eine Mail zu verschicken.\u00a0<br \/>Dieser Beitrag wird entsprechend eher keine Bilder haben.<\/p><p>An zwei Dingen kommt man nicht vorbei, wenn man durch Kambodscha reist. Angkor Wat und der Schreckensherrschaft der Roten Khmer. Da letzteres bei uns normalerweise kein Schulstoff oder Material f\u00fcr einen Kl\u00f6nabend ist, fasse ich das mal (sicher unzureichend und nicht vollst\u00e4ndig korrekt) zusammen.\u00a0<\/p><p>Die Wirren des zweiten Weltkriegs hatten auch in Kambodscha Auswirkungen. Auseinandersetzungen mit Thailand, Besetzung durch Japan, die Losl\u00f6sung von Frankreich, sowie das Schwanken zwischen k\u00f6niglicher Macht und Demokratie lie\u00dfen Kambodscha in den 50er- und 60er-Jahren gebeutelt zur\u00fcck. Es gab viele widerstrebende und \u00fcberschneidende Fraktionen. Dann kamen die Amerikaner mit ihrem &#8222;Geheimen Krieg&#8220;, der die Nachschubwege des Viet Congs w\u00e4hrend des Vietnamkriegs abschneiden sollte und mehr Bomben auf Kambodscha und Laos fallen lie\u00df, als \u00fcber Deutschland abgeworfen worden waren. All das hatte dem Kommunismus viel Sympathie, vor allem in der v\u00f6llig verarmten Landbev\u00f6lkerung eingebracht. Als dann das Milit\u00e4r gegen den schw\u00e4chelnden K\u00f6nig putschte und eine relativ faschistische Regierung einrichtete, begann endg\u00fcltig ein B\u00fcrgerkrieg. Am Ende setzte sich wohl die denkbar radikalste kommunistische Fraktion durch, die man sich denken kann: Die Roten Khmer.\u00a0<\/p><p>Am 17. April 1975 nahmen die Roten Khmer Bangkok ein, die Stunde null eines bestialischen Terrorregimes, der insgesamt 3 von 8 Millionen Kambodschanern zum Opfer fielen. In weniger als vier Jahren. Allein in den ersten drei Tagen entv\u00f6lkerten sie alle St\u00e4dte, trieben die Stadtbewohner in Gewalt- und Hungerm\u00e4rschen in abgelegene Provinzen, wo sie zu b\u00e4uerlicher Sklavenarbeit abkommandiert wurden.\u00a0\u00a0<br \/>Die Ziele der Roten Khmer unter Pol Pot: R\u00fcckkehr zum Leben der &#8222;alten Menschen&#8220;, sprich: Bauern. &#8222;Neue Menschen&#8220; (zun\u00e4chst St\u00e4dter und Akademiker, sp\u00e4ter gen\u00fcgte eine Brille oder rudiment\u00e4re Fremdsprachenkenntnisse) waren binnen k\u00fcrzester Zeit zu Bauern zu machen und dar\u00fcber hinaus unter Generalverdacht. Jeder, der sich kritisch \u00e4u\u00dferte, landete in Foltergef\u00e4ngnissen, in denen Gest\u00e4ndnisse erwirkt wurden, die mit dem Tod bestraft wurden. Dabei wurden die Abgeurteilten nicht etwa standrechtlich erschossen, denn Munition war zu teuer, sondern mit dem erschlagen, was so da war: Spitzhacken, Eisenstangen, Bambusst\u00e4be.\u00a0<br \/>Dass das Regimen nicht lange durchhalten w\u00fcrde, ist im R\u00fcckblick offensichtlich: Wer jeden Fortschritt verweigert, wird von der Bildfl\u00e4che verschwinden. Au\u00dferdem frisst sich diese Art von Regime selbst auf, denn wenn man immer die Kritischsten, die Gebildetsten und die Intelligentesten t\u00f6tet, ist jeder irgendwann dran. So war es auch. Irgendwann landeten auch Mitglieder der Roten Khmer (aus der F\u00fchrungsriege) in den Foltergef\u00e4ngnissen. Und den Vietnamesen fiel es am Ende 1979, nachdem sie die Amerikaner losgeworden waren, nicht schwer, dem Spuk ein Ende zu setzen.\u00a0<\/p><p>Interessant ist daran noch zweierlei: Pol Pot und seine Roten Khmer hatten noch bis in die 90er hinein einen Sitz bei den vereinten Nationen. Grund daf\u00fcr war eine Kalter-Krieg-Logik, die das Eingreifen der kommunistischen Vietnamesen aus Prinzip nicht guthei\u00dfen konnte.<\/p><p>Ein zweiter Punkt ist, dass die Schulbildung in Kambodscha nicht besonders gut ist und daher wohl ein weiter Teil der Bev\u00f6lkerung davon ausgeht, dass der gr\u00f6\u00dfte Teil der Toten auf das Konto der Vietnamesen geht.\u00a0<\/p><p>Aber die Geschichte wird &#8211; in relativ brutaler Offenheit, wie ich finde &#8211; aufgearbeitet. So kann man in Phnom Penh zum Beispiel das Foltergef\u00e4ngnis S21 besuchen. Und nur eine halbe Stunde mit dem Tuk-Tuk entfernt, dienen die Killing Fields von Choeung Ek als Mahnmal.\u00a0<\/p><p>Ich kann und will nicht ausf\u00fchrlich dar\u00fcber schreiben, was wir dort gesehen und erfahren haben. Ich denke, es gen\u00fcgt, beispielhaft zwei Punkte herauszugreifen:<\/p><ol><li>In S21 war eine wichtige Aufgabe der W\u00e4rter, die H\u00e4ftlinge vom Selbstmord abzuhalten. Einigen wenigen gelang es trotzdem: Einem gelang ein Sprung von einer erh\u00f6hten Galerie, einer sch\u00fcttete sich das Kerosin der Lampe seines W\u00e4rters \u00fcber den Kopf und z\u00fcndete sich an, einer rammte sich den Stift, mit dem er sein Gest\u00e4ndnis unterschreiben sollte, in den Hals. Alles, um die Folter zu beenden, Und einige hielten die t\u00e4glich bis zu 3 Mal durchgef\u00fchrten Folterungen bis zu 3 Jahre durch.<\/li><li>Als die Killing Fields von Choeung Ek entdeckt wurden, fand man einen Baum, an dem Haare, Blut und Hirnmasse klebten. Nachforschungen ergaben, dass die Roten Khmer hier die Babys get\u00f6tet hatten. Sie packten die Babys am den Beinen und schmetterten ihre K\u00f6pfe gegen den &#8222;Killing Tree&#8220;.\u00a0<br \/>Warum Babys ermordet wurden? Wenn jemand ein Gest\u00e4ndnis unterschrieben hatte und hingerichtet wurde, wurde auch seine ganze Familie hingerichtet. Es sollte niemand \u00fcbrig bleiben, der Rachegef\u00fchle haben k\u00f6nnte.\u00a0<\/li><\/ol><p>Das kann man sich alles anschauen. Das alte Schulhaus, indem S21 untergebracht war. Die Killing Fields, die heute ein geradezu idyllischer Ort sind, mit einer Stupa, die die 9000 bisher gefundenen Sch\u00e4del beherbergt. Die Audio Guides sind sehr gut und sehr detailliert. Es gibt Triggerwarnungen <span style=\"color: #04a7b8;\">(damit man innerlich vorbereitet ist, dass einen jetzt etwas ganz besonders Schreckliches erwartet und man die Audioaufnahmen lieber im Freien h\u00f6rt, als in den Folterr\u00e4umen)<\/span> und Hintergrundinformationen. Und irgendwie gelingt es einem, das Ganze zu abstrahieren und von sich fern zu halten.<\/p><p>Und dann wird uns klar, dass sich unser Tuk-Tuk-Fahrer vom Alter her an diese Zeit erinnern m\u00fcsste und fragen nach. Und in bruchst\u00fcckhaftem Englisch stellt sich heraus: Nat\u00fcrlich erinnert er sich. An die Schreie aus dem Nachbarhaus, das zu einem Foltergef\u00e4ngnis umfunktioniert wurde. An den Tod seines Vaters. An den Tod seiner Mutter. An den Tod eines Bruders, einer Schwester, eines Onkels.\u00a0<br \/>Und pl\u00f6tzlich ist das Ganze auf erschreckende Weise unmittelbar.\u00a0<br \/><span style=\"color: #04a7b8;\">Und wenn ich mich im Museum trotz der vielen Fotografien der Betroffenen noch zur\u00fcckhalten kann, bricht dieses &#8222;Einzelschicksal&#8220; ohne Vorwarnung durch meine Schutzwand und zerrei\u00dft mich. Wie kann ein Mensch nach so etwas weiterleben und jeden Tag fr\u00f6hlich und freundlich beginnen. Es ist mir unbegreiflich.<\/span><\/p>\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir machen gerade ein paar Tage Pause am Strand. Das trifft sich ganz gut, denn ich habe mir voraussichtlich einen Harnwegsinfekt eingefangen. 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