{"id":1817,"date":"2026-09-11T21:16:46","date_gmt":"2026-09-11T19:16:46","guid":{"rendered":"https:\/\/bonniesiebke.de\/blog\/?p=1817"},"modified":"2026-09-11T21:30:38","modified_gmt":"2026-09-11T19:30:38","slug":"ehrenwort-gastfreundschaft-und-blutrache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bonniesiebke.de\/blog\/ehrenwort-gastfreundschaft-und-blutrache\/","title":{"rendered":"Ehrenwort, Gastfreundschaft und Blutrache"},"content":{"rendered":"\t\t<div data-elementor-type=\"wp-post\" data-elementor-id=\"1817\" class=\"elementor elementor-1817\">\n\t\t\t\t\t\t<section class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-3692e98 elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"3692e98\" data-element_type=\"section\" data-e-type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-57bde14\" data-id=\"57bde14\" data-element_type=\"column\" data-e-type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-3d89fd5 elementor-widget elementor-widget-text-editor\" data-id=\"3d89fd5\" data-element_type=\"widget\" data-e-type=\"widget\" data-widget_type=\"text-editor.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<p>Wir haben einander auf unserer Reise &#8222;Der zerrissene April&#8220; von Ismail Kadare vorgelesen. Ein eigenartiges Buch, sehr atmosph\u00e4risch erz\u00e4hlt, das uns in die fremde Welt des albanischen Hochlands entf\u00fchrt hat. Thema des Buches ist der <em>Kanun<\/em>, das tief verwurzelte Gewohnheitsrecht der albanischen St\u00e4mme. Der Kanun wirkt bis heute.<\/p><p>Wenn ich &#8222;der Kanun&#8220; schreibe, ist das strenggenommen falsch. Es gab und gib regionale Unterschiede und Varianten, wechselnde Geltungsbereiche und abweichende Niederschriften. Allen gemeinsam ist, dass es sich um ein ausgesprochen detailliertes, mittelalterliches (in einzelnen Aspekten vielleicht sogar noch aus vorr\u00f6mischer Zeit stammendes), m\u00fcndlich tradiertes, nicht-religi\u00f6ses Gewohnheitsrecht handelt, dem sowohl Muslime als auch Christen folgten. Es hat lange den wechselnden Schicksalen Albaniens getrotzt, weil es bis zum kommunistischen Regime keiner Staats- oder Besatzungsmacht, nicht einmal den Osmanen, gelungen ist, in die schroffen Berge und tiefen T\u00e4ler des Hochlands vorzudringen.<br \/>Zentrales Element des Kanun ist die Ehre (<em>Nderi<\/em>). Daraus leiten sich traditionelle Institutionen ab wie die Gastfreundschaft (<em>Mikpritja<\/em>), das Ehrenwort (<em>Besa<\/em>), der Familienzusammenhalt (<em>Fis<\/em>), aber auch die Blutrache (<em>Gjakmarrja<\/em>). In einer der bekannteren Niederschriften (Der Kanun von Lek\u00eb Dukagjinij) umfasst der Kanun 1262 Artikel in 12 B\u00fcchern und regelt u. a. Belange des Eigentums, der Arbeit, von Hochzeiten und Schadensersatz. <br \/>Ein Beispiel: Klopft jemand an eine T\u00fcr und erbittet, als Gast aufgenommen zu werden, steht er unter der Verantwortung und dem Schutz des Hausherrn und seiner Familie. Er wird aufs Beste versorgt und erbittert gesch\u00fctzt &#8211; selbst wenn er ein Feind der Familie ist, also z. B. ein Familienmitglied ermordet hat. Scheidet der Gast, wird er bis zur Dorfgrenze begleitet und dort w\u00fcrdig verabschiedet. Erf\u00e4hrt der Gast irgendeine Form von Schaden, so geht das gegen die Ehre der Gastgeber. Im Extrem kann das z. B. Folgendes bedeuten: <br \/>Wird ein Gast an der Dorfgrenze erschossen und f\u00e4llt er so, dass sein Gesicht noch in Richtung des Dorfes zeigt, dann wird daraus gefolgert, dass er sich noch nicht umgewendet hatte und die Verabschiedung noch nicht abgeschlossen war. Somit gilt der Mord zugleich als Mord an der gastgebenden Familie, die dadurch verpflichtet ist, den M\u00f6rder zu stellen und zu t\u00f6ten &#8211; der m\u00f6gliche Beginn einer Blutfehde zwischen zwei Familien.<\/p><p><span style=\"color: #04a7b9;\">In unserem Buch kann die Blutrache sogar soweit gehen, dass alle m\u00e4nnlichen Mitglieder einer Sippe ausgel\u00f6scht werden. Ein Vorgehen, dass f\u00fcr mich nicht nachvollziehbar ist. Wenn Ehre und Familie so gro\u00df geschrieben werden, m\u00fcsste die Erhaltung der eigenen Linie doch irgendwann in den Vordergrund r\u00fccken. Ist kein Mann in der Blutlinie mehr \u00fcbrig, kann eine Frau als &#8222;eingeschworene Jungfrau&#8220; den Vorstand der Familie \u00fcbernehmen. Sie tr\u00e4gt fortan M\u00e4nnerkleider und muss daf\u00fcr v\u00f6llig auf sexuelle Beziehungen, Ehe und Kinder verzichten.<\/span><\/p><p><strong>Was kann man davon heute noch sp\u00fcren?<\/strong><\/p><p>Offiziellen Angaben zu Folge flammten Blutfehden in der Zeit der Anarchie nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes in den 1990er-Jahren wieder auf. In abgelegenen Gebieten sollen sie bis heute fortgef\u00fchrt werden, allerdings seien sie heute &#8222;von gew\u00f6hnlicher Kriminalit\u00e4t kaum zu unterscheiden&#8220;. Das ist das eine.<\/p><p>Aber es gibt auch die andere Seite. W\u00e4hrend unserer F\u00fchrung in Berat kommt unser Guide von sich aus auf den Kanun zu sprechen. Seiner Einsch\u00e4tzung nach ist das Besa, das albanische Ehrenwort, ebenso wie der letzte Wille eines Sterbenden bis heute eine feierliche Verpflichtung, die nicht gebrochen werden kann. Er erz\u00e4hlt von der Witwe in Berat: Sie, Mathematikerin, war mit einem Historiker verheiratet. Sein Lebenswerk war die Schaffung eines j\u00fcdischen Museums in Berat. Kurz nach der Er\u00f6ffnung wurde er krank und bat sie auf dem Sterbebett, das Museum in seinem Sinne weiterzubetreiben. Seither \u00f6ffnet sie Tag f\u00fcr Tag, Woche f\u00fcr Woche und Jahr f\u00fcr Jahr das kleine, kostenlose Museum von 9 bis 14 Uhr. Inzwischen ist sie Mitte 70.<\/p><p>Auch die Aufnahme und der Schutz der Juden w\u00e4hrend des zweiten Weltkriegs war Folge dieses Ehrenkodexes. Als Albanien 1943 von Deutschland besetzt wurde, weigerten sich die Albaner, Namenslisten der Juden an ihre Besatzer auszuh\u00e4ndigen. Im Namen von Besa und Mikpritja brachten viele nicht nur Juden bei sich unter und versteckten sie, sondern besorgten ihnen auch gef\u00e4lschte P\u00e4sse. Fast alle Juden in Albanien \u00fcberlebten den Krieg. Albanien war das einzige von den Deutschen besetzte Land Europas, in dem nach dem Holocaust mehr Juden lebten als zuvor.<\/p><p>Wir selbst erleben das im Kleinen. Als Bonnie in unserer Unterkunft in Berat fragt, ob man dort W\u00e4sche waschen lassen kann, z\u00f6gert unsere Gastgeberin kurz, dann nickt sie. Sp\u00e4ter merken wir: Es gibt gar keinen W\u00e4scheservice. Sie hat unsere W\u00e4sche trotzdem gewaschen &#8211; und nichts daf\u00fcr verlangt.<\/p>\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t<section class=\"elementor-section elementor-top-section elementor-element elementor-element-c44fe4c elementor-section-boxed elementor-section-height-default elementor-section-height-default\" data-id=\"c44fe4c\" data-element_type=\"section\" data-e-type=\"section\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-container elementor-column-gap-default\">\n\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-column elementor-col-100 elementor-top-column elementor-element elementor-element-2c954cc\" data-id=\"2c954cc\" data-element_type=\"column\" data-e-type=\"column\">\n\t\t\t<div class=\"elementor-widget-wrap elementor-element-populated\">\n\t\t\t\t\t\t<div class=\"elementor-element elementor-element-434d68e elementor-widget elementor-widget-image\" data-id=\"434d68e\" data-element_type=\"widget\" data-e-type=\"widget\" data-widget_type=\"image.default\">\n\t\t\t\t<div class=\"elementor-widget-container\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<figure class=\"wp-caption\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/bonniesiebke.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/PXL_20260908_115649334.jpg\" class=\"attachment-large size-large wp-image-1822\" alt=\"Berglandschaft\" srcset=\"https:\/\/bonniesiebke.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/PXL_20260908_115649334.jpg 1024w, https:\/\/bonniesiebke.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/PXL_20260908_115649334-300x169.jpg 300w, https:\/\/bonniesiebke.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/PXL_20260908_115649334-768x432.jpg 768w, https:\/\/bonniesiebke.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/PXL_20260908_115649334-800x450.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/>\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<figcaption class=\"widget-image-caption wp-caption-text\">Die albanischen Berge - die Welt des Kanun<\/figcaption>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/figure>\n\t\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/section>\n\t\t\t\t<\/div>\n\t\t","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir haben einander auf unserer Reise &#8222;Der zerrissene April&#8220; von Ismail Kadare vorgelesen. 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