Geld aus der Wand (und so)

Einfach mal so und ohne konkreten Anlass: Ist es nicht ein Wahnsinn, wie die moderne Technik das Reisen verändert und erleichtert hat?

Navigation
Ein kleines Gerät in meiner Tasche erlaubt mir heute, mich an fremden Orten problemlos zurecht zu finden.
Erinnert ihr euch noch an früher? Stapelweise Kartenmaterial. Routenplanung vom ADAC. Schlechte Laune, weil die Familie sich verfahren hat. Zwist, weil der Fahrer nicht so abgebogen ist, wie der Navigator (vermutlich im letzten Augenblick) gefordert hat. Einheimische mit ungelenken Sprachbrocken nach dem Weg fragen und die Antwort nicht verstehen.
Wie immer geht natürlich auch was verloren. Die unverhofften Entdeckungen auf dem ungeplanten Umweg. Die Interaktionen mit den Einheimischen, die durchaus in einem gemeinsamen Lachen enden konnten.
Dennoch: Die modernen Navigationsmöglichkeiten sind schon ein Wahnsinn. Sie machen alles soo viel leichter, sogar offline (OsmAnd).

Geld
Ich habe dieses kleine Stück Plastik. Und dann kommt da so viel Geld aus der Wand, wie ich brauche. Wie geil ist das denn?
Erinnert sich noch jemand and Traveller’s Checks? Ich habe vor der Reise noch ein paar Traveller’s Checks in kanadischen Dollars gefunden. Die musste man sich vor der Reise kaufen und unterschreiben. Vor Ort hat man sich dann eine Bank gesucht, die Traveller’s Checks akzeptiert hat – manchmal keine ganz einfache Aufgabe. Dort musste sich dann jemand mit dem Verfahren auskennen. Man hat den Check ein zweites Mal unterschrieben. Und wenn der Bankangestellte fand, dass sich die Unterschriften ähnlich genug waren, dann hat man – gegen eine heftige Gebühr – Geld ausgezahlt bekommen.
Oder man hatte einfach sehr, sehr viele Dollars im Strumpf und hat sich Wechselstuben gesucht. Besser ein guter Wechselkurs und höhere Kommission? Oder ohne Kommission mit schlechterem Kurs? Oder hätte man besser zu Hause schon Geld getauscht?
Heute schiebe ich meine Karte in einen Automaten – die es inzwischen auch an abgelegenen Orten in überraschender Anzahl gibt – und voilà, Geld in Landeswährung. Die größte Sorge dabei: Nimmt der Automat nebenan vielleicht weniger Gebühren?
Kehrseite der Medaille: Manchmal beschließt die Kreditkartengesellschaft, dass das Abhebeverhalten Unregelmäßigkeiten aufweist (Urlaub ist eben nicht alle Tage…) und sperrt die Karte. Dann ist die Kacke am dampfen.
Daher: Ganz ohne Plan B, z. B. die Dollars im Strumpf, geht es auch heute noch nicht.

Onlinebuchungen
Ich erinnere mich noch an etwas nervöse Besuche im Reisebüro. Da hat eine nette Dame versucht, meine sehr unkonkreten Vorstellungen vom bevorstehenden Urlaub mit ihren Katalogen (in denen, wenn es viele waren, drei bis vier Bilder zu einem Hotel zu sehen waren) und meinem Budget abzugleichen und mich für dieses Hotel an der Algarve zu begeistern, in dem sie auch schon war. Oder für diese Pension in Südfrankreich, die ganz neu im Programm ist. Vor Ort sah dann alles ganz anders aus. Und ein Auto zu mieten war auch irgendwie teurer als erwartet.
Fortgeschrittene Reisende hatten über Bekannte Kontaktdaten einer Unterkunft und haben dort angerufen. Das Ergebnis konnte variierten, aber durchaus auch ein Gespräch sein, an dessen Ende man sich nicht hundertprozentig sicher war, dass man einander verstanden hatte und wirklich das Dreibettzimmer oder das Ferienhäuschen vorfinden würde, das man zu buchen versucht hatte.
Unsere Art zu reisen wäre so nicht möglich gewesen. Um eine vergleichbare Reise zu machen, hätte man eigentlich nur auf gut Glück losfahren und vor Ort sehen können, wie man unterkommt. Viele „Traveller“ machen das heute noch so und schwören darauf, dass man so die besten Preise bekommt.
Kann schon sein.
Aber das Gerenne vor Ort und die Unsicherheit, ob man nicht vielleicht doch die Nacht unter der Brücke schlafen muss, sind nicht jedermanns Sache.
Wie komfortabel ist es dagegen, bei Booking, Agoda oder AirBnB aus eine Vielzahl an relativ genau beschriebenen Hotels auswählen zu können und bereits vorab zu wissen: Wir haben ein eigenes Bad, der Pool sieht nett aus und die meisten Reisenden haben sich dort wohlgefühlt (9,4 von 10 Punkten bei 123 Bewertungen).
Eine Foodtour in Hanoi? Eine kleine Kreuzfahrt in der Ha Long Bucht? Zirkuskarten in Battambang? Mit dem Zug von A nach B, dann mit dem Nachtbus nach C? Ein Ausflug zu einem schwimmenden Markt? Alles kein Problem. Alles schnell online gebucht, bei Rome2Rio, 12GoAsia oder TripAdvisor.
Etwas putzig ist in diesem Teil der Welt allerdings, dass man Aktivitäten zwar online buchen kann, dann aber ein Papierticket braucht. In der Regel heißt das, dass man mit dem Voucher der Onlinebuchung zu einem Office muss, um dort ein Ticket ausgestellt zu bekommen. Dieses Ticket zeigt man dann zum Beginn der Veranstaltung u. U. der gleichen Person, die den Voucher eingelöst hat und es kann losgehen. Es kann sein, dass dieses Ticket wiederum unterwegs (z. B. bei einem Umstieg) in ein weiteres Ticket eingetauscht werden muss. Die Tickets unterscheiden sich dann meist farblich, z.B. grün und blau.

Übersetzer
Mir steht jemand gegenüber, mit dem ich keine gemeinsame Sprache spreche. Wir müssen was klären. Hände und Füße waren da schon immer eine Hilfe und sind es noch heute. Auch das Ohne-Wörter-Wörterbuch ist eine coole Erfindung. Aber oft waren solche Begegnungen frustrierend, wenn sich nicht unverhofft jemand eingeschaltet hat, der übersetzen konnte.
Heute spricht oder tippt ein Laot was in sein Handy, es übersetzt und ich lese: „Der Bus fährt heute nicht. Aber es gibt einen Zug.“ Klar, manchmal steht da stattdessen „Hamster haben ohne Büro. Folgen?“ Und manchmal gibt es auch Missverständnisse. Aber die meisten kleinen Probleme, die früher zu unüberwindlichen Hindernissen werden konnten, sind heute schnell gelöst. Danke Google, Deepl, Translator und wie ihr alle heißt.

Fazit
Vielleicht hat das Reisen ein wenig von seinem abenteuerlichen Charakter verloren. Vielleicht gibt es heute nach einer Reise weniger Geschichten von großen Missverständnissen und kleinen Heldentaten zu erzählen. Vielleicht entfällt heute die eine oder andere Interaktion mit Einheimischen, die zu einer Bereicherung hätte werden können. Vielleicht hat auch durch die moderne Technik die Motivation nachgelassen, den Italienischkurs bei der VHS zu besuchen.
Ganz sicher sind Fernreisen heute weniger elitär als noch vor einigen Jahrzehnten – unabhängig von der steigenden Kaufkraft.
Insgesamt kann ich aber sagen: Ich bin unglaublich dankbar für die Wunder der Technik und für die Möglichkeiten, die sich einem dadurch eröffnen – vor allem auch beim Reisen. Wir nehmen das oft als selbstverständlich hin. Dabei sollten wir viel öfter Staunen.

Hinweis
Wir haben uns zuletzt wenig gemeldet. Das liegt daran, dass wir eine Zeitlang im Nam-Et-Nationalpark verbracht haben und dort keinen Zugang zum Internet hatten. Das gibt es das eine oder andere zu erzählen, nicht zuletzt von der abenteuerlichen An- und Abreise. Aber das holen wir nach. Versprochen.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Katja

    Das stimmt. Und als kleine Ergänzung zu euren Gedanken: Dank weltweitem WLAN und WordPress haben auch wir Daheimgebliebenen die Chance, zu wissen, dass es euch gutgeht und ihr eine tolle Zeit habt. Fast kann man live dabei sein, dank Videos und Co. Früher hätte es vielleicht eine Postkarte in drei Monaten gegeben, alles andere war nicht bezahlbar…
    Bin gespannt auf eure nächsten Geschichten! 🙂

  2. Wolfgang

    Das Reisen hat sich in der Tat wesentlich verändert. Sicherlich geht einiges dabei verloren, aber der Gewinn scheint mir doch allemal größer. Und es ist schon toll, dass wir Zurückgebliebenen so intensiv an Eurem Erleben teilnehmen können – dank Eurer großartigen Beschreibungen, Kommentare, Refletionen etc. Habt nun noch eine gute restliche Zeit in Vietnam. Wir freuen uns schon sehr auf den Moment, wo wir uns mal wieder von Angesicht zu Angesicht sehen!!

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