Das Land der 1 Millionen Elefanten

So lautet der Name des ehemaligen laotischen Königreichs („Lane Xang“). Leider stimmt er nicht mehr. Bei einer Zählung 2011 sollen es rund 800 Tiere in Gefangenschaft und 800 freilaufende Dickhäuter gewesen sein. Ein Fachmann, der sich mit einer aktuellen Zählung beschäftigt, schätzt die freilaufende Menge an Elefanten in Laos auf 300 bis 400 Tiere.

Um den Rückgang der Population zu bekämpfen, gibt es Organisationen wie das Elefant Conservation Center, kurz ECC, die sich bemühen, Elefanten aus Gefangenschaft zu erwerben und zu resozialisieren. Ziel ist, die Elefanten zu einem selbstständigen Leben zu befähigen und am Ende im nahe gelegenen Nationalpark in die Freiheit zu entlassen. Es befasst sich auch mit der Zucht der Tiere, aber das ist nicht so einfach, wie es klingt.

Beobachtungsposten

Unser Guide Mr. Ken, der uns für drei Tage während unseres Aufenthalts im ECC begleitet, erzählt uns, dass Arbeitselefanten oder Elefanten, die für den Tourismus gehalten werden, oft als Einzeltiere von Privatpersonen großgezogen werden. Ihnen fehlt häufig das normale soziale Verhalten, das Elefanten in Freiheit von klein auf in Herden erlernen. Die Besitzer sorgen meist auch dafür, dass die Elefanten keinen Nachwuchs bekommen, da sie sonst (durch die 22-monatige Schwangerschaft und die zwei bis drei Jahre dauernde Stillzeit) zu lange nicht arbeitsfähig wären. Wenn doch, werden Mutter und Baby sehr früh voneinander getrennt.

So fällt es den Tieren, die in Gefangenschaft groß geworden sind, schwer, mit anderen Artgenossen normal zu interagieren. Elefanten-Bullen wissen oft nicht, wie sie weibliche Tiere begatten, weil sie keine Gelegenheit hatten, es sich von älteren Elefanten abzugucken. Elefanten-Kühe nehmen ihr Kind teilweise nicht an, weil sie das natürliche Verhalten weiblicher Tiere nicht gelernt haben.

Elefant allein zu Haus

Das ECC wurde 2001 von zwei Franzosen und einem Laoten gegründet. Gestartet haben sie mit einem einzelnen Elefanten auf wenigen ha und haben sich stetig vergrößert. Vor COVID gab es 35 Tiere auf einem 530 ha großen Gelände. Die Regierung hat ihnen große Teile des Landes gegeben, um das Projekt zu unterstützen. Das große Waldgebiet ist ziemlich ideal für die Dickhäuter. Es gibt Wasser drum herum, wo die Elefanten Trinken und Baden können und eine üppige Pflanzenwelt für eine abwechslungsreiche Ernährung.
In verschiedenen „social areas“ werden täglich eine gewisse Anzahl von Tieren freilaufend zusammengebracht, um soziales Verhalten in Gruppen wiederzuerlernen. Hier können die Betreuer (und Touristen) die Tiere bei ihren Interaktionen beobachten.

Man würde denken, dass 530 ha riesig sind. Aber wenn man bedenkt, dass ein Elefant täglich ein Zehntel seines Körpergewichts an Grünzeug zu sich nimmt (rund 100 – 200 kg), dann ist das plötzlich gar nicht mehr so viel. Sie fressen rund 14-18 Stunden am Tag.
Wir lernen eine Elefantendame kennen, die eigentlich wo sie geht und steht am Wegesrand vor sich hin snackt. (Herrlich, ich entdecke Parallelen zu mir).

Snack auf dem Weg

Das Resozialisieren der vormals gefangenen Tiere dauert relativ lange. So hat das ECC bisher vier Elefanten in die im Nationalpark frei lebenden Herden integriert und weitere vier befinden sich in einem sogenannten Soft Release. Also so gut wie in Freiheit, aber noch unter Kontrolle.

Bei unserem Besuch befinden sich 20 Elefanten im ECC. Davon ist die Mehrzahl der Tiere weiblich. Es gibt zwei Babies, eine einjährige und eine zweijährige Elefantin. Beide werden noch von ihren Müttern gesäugt und bleiben dicht in ihrem Windschatten, außer wenn die Neugierde sie packt und sie viel lieber rausfinden wollen, was das für komische Kumpane sind, die da am Rand stehen und sie immer anglotzen. Da hält sie auch kein Zaun auf… und vor allem nicht, wenn Mama-Elefant nachschaut, ob mit ihrer Kleinen alles OK ist.
Da kommt spontan Hektik in der Zuschauergruppe und bei den zuständigen Mahuts auf.

Nursery
Baby_2

Das ECC ist sehr stolz auf diesen Nachwuchs. Nicht immer geht es so gut aus. Vor einer Weile haben sie sowohl ein Baby, als auch ein Muttertier bei der Geburt verloren. Man merkt dem Veterenär an, wie nah ihm dieses Schicksal geht, während er es uns erzählt.
Von ihm erhalten wir Einblick in sein tägliches Tun. Es gibt ein Elefanten-Hospital mit täglichen Sprechzeiten, die überdacht draußen stattfinden.
In einem großen, mit dicken Metallrohren umgebenen, nach hinten offenen Stall wird mit den Elefanten geübt, auf Kommando vor- und zurückzugehen und z.B. die verschiedenen Beine aufs Gestänge zu heben. Die Elefanten werden fast täglich trainiert, damit sie im Ernstfall an die Routine gewöhnt sind. Außerdem werden sie dabei mit Klebreis bestochen, damit sie gern ins Hospital kommen. Das hilft beim „Nägel schneiden“ oder Eingetretenes aus den Fußsohlen entfernen. Sonst wären selbst solche kleinen Eingriffe nur unter Sedierung möglich, was jedes Mal einen großen Aufwand und ein Risiko für den jeweiligen Elefanten bedeuten würde.

Wir dürfen bei einer Behandlung dabei sein. Eine Elefantenkuh hat übermäßig tränende Augen aufgrund einer Augeninfektion. Damit die Entzündung abklingen kann, wird jedes Auge zunächst liebevoll mit einer Wurzelbürste und einer Dusche vom Staub befreit. Dann werden Augen und Tränenkanäle mehrfach mit einer Kochsalzlösung gespült. Das sieht sehr routiniert aus und die Elefantendame lässt die unangenehme Prozedur bei reichlich Klebreis ziemlich gelassen über sich ergehen.

Augenbehandlung_1

Man merkt, dass alle Mitarbeiter sehr angagiert sind und sich sehr über unseren Besuch, bzw. die steigenden Besucherzahlen freuen. Da sich das ECC hauptsächlich aus den Einnahmen aus den Touristenbesuchen finanziert, hat die Pandemie den Betrieb fast zum Erliegen gebracht und es mussten andere Wege der Finanzierung gefunden werden. Vor COVID gab es wesentlich mehr Angestellte. Aktuell sind z.B. nur 10 Mahuts – quasi Intensivbetreuer für die Elefanten – beim ECC beschäftigt. D.h. jeder der Mahuts muss 2 Elefanten betreuen (früher gab es eine 1:1-Betreuung). Das ist sehr viel Arbeit.

Am ECC findet auch Forschung zu diesen besonderen Tieren statt. Eine spanische Biologin, die zur Belegschaft des ECC gehört, schreibt ihre Doktorarbeit über das Sozialverhalten männlicher Elefanten. Landläufig ist die Meinung, dass Elefantenbullen Einzelgänger sind, da man sie in Freiheit meist allein antrifft, nachdem sie die Herde der Mutter verlassen haben. Aber es gibt Phasen in ihrem Leben, in denen sie die Nähe zu anderen Bullen suchen, vor allem während der Pubertät und als junge Erwachsene.
Wir dürfen vier Elefantenbullen beobachten, die sich ganz eindeutig auf die eine oder andere Art und Weise zugetan sind. Es ist für uns total spannend, die Dynamik der Tiere zu beobachten, wenn wieder ein neuer Teilnehmer der Gruppe hinzugeführt wird. Sie beobachten einander, versuchen einander das Essen zu mopsen, messen ihre Kräfte, kuscheln aber auch viel oder üben mit sichtbarer Freude das Besteigen.
Wie es aussieht, hat die Doktorarbeit der spanischen Biologin das Potenzial, die Arbeit mit Elefanten in ganz Asien nachhaltig zu verändern.

Wenn ich ehrlich bin, vermisse ich die Möglichkeit, die Elefanten anzufassen oder sie mit Bananen zu füttern, wie es so viele andere Anbieter ermöglichen. Aber ich verstehe, dass wir mit unserem Besuch an diesem Ort das Richtige tun. Ich lerne hier sehr viel über diese fantastischen Tiere und freue mich über jede Minute, die wir sie in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten können… auch wenn sie dafür mit leckeren Stämmen von Bananenbäumen von ihren Mahuts ein wenig motiviert werden müssen.

Elefantenbestechung

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Wolfgang

    Danke für diesen tollen Bericht. Danke dafür, dass Ihr uns an diesem doch wohl ganz besonderen Kapitel Eurer eindrucksvollen Reise so intensiv teilhaben lasst!

  2. Herbert

    Wirklich eine Horizonterweiterung! Sehr Detailreich und überraschend, was ihr schreibt. Was für ein Privileg, so nahe an diesen außergewöhnlichen Tieren zu sein und ihre Sozialdynamik beobachten zu können. Auch von unserer Seite: Danke für Bericht und Fotos!!

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